
Schönborn: Offenheit im Vorfeld des Konklave
Die in großer Freiheit und Offenheit geführten Beratungen der Kardinäle in den Generalkongregationen "machen mich persönlich zuversichtlich für das Konklave": Das betonte Kardinal Christoph Schönborn bei einem Pressegespräch im Anschluss an einen Gottesdienst, den er am Sonntagabend in seiner römischen Titelkirche Gesu' Divino Lavoratore leitete. "Selten habe ich in den vielen Jahren im Dienst der Weltkirche und seit 15 Jahren als Kardinal so viel Ehrlichkeit, Klarheit, Weite, Wohlwollen und Zuversicht erlebt, wie in den letzten Tagen", so der Kardinal in seiner Erklärung zwei Tage vor Konklavebeginn. Die in Rom versammelten Kardinäle hätten dafür gesorgt, "dass die vielen Zeichen der Hoffnung ebenso offen zur Sprache kamen wie auch Fehler und Versagen".
Nach den Worten Kardinal Schönborns seien Herausforderungen und Hoffnungszeichen der Weltkirche in den Generalkongregationen "überdeutlich geworden". Er nannte u.a. die Bedrängnis und Verfolgung vieler Katholiken weltweit, die "religiöse Sprachlosigkeit" und "geistige Sattheit" inmitten von materiellem Überfluss und die Bedrohung von Lebensräumen und -chancen vieler Menschen durch verschwenderischen Lebensstil. Zugleich konnten sich - so Schönborn - die Gläubigen besonders in den wohlhabenden Ländern noch nie so intensiv vernetzen, kommunizieren und die weltlichen Güter genießen wie heute.
Angesichts all dessen seien es "nahezu übermenschliche Anforderungen, die an das Petrusamt heute gestellt werden", erklärte Kardinal Schönborn. Sie seien wohl nur zu tragen im "gläubigen Bewusstsein, dass niemand in der Kirche die Last des Amtes alleine trägt", verwies er auf Christus als "Haupt der Kirche".
Die Kardinäle hätten sich auf das Konklave durch offene Gespräche und gemeinsames Beten gut vorbereitet, unterstrich Schönborn. Ihrer Gewissensentscheidung würden sie jedes Mal vor der Stimmabgabe mit der Formel bekräftigen: "Ich rufe Christus, der mein Richter ist, zum Zeugen an, dass ich den wähle, von dem ich glaube, dass er nach Gottes Willen gewählt werden muss."
Konklave schon jetzt "historisch"
Die Kardinäle wüssten sich in den kommenden Tagen nicht nur von den Gläubigen begleitet, sondern vor allem von Benedikt XVI. und dessen innigem Gebet. Sein Amtsverzicht mache dieses Konklave in der Kirchengeschichte "einzigartig", es könne "schon jetzt mit Fug und Recht als historisch bezeichnet werden", wie der Kardinal hinwies.
Den Amtsverzicht des Papstes bewertete Schönborn in zweifacher Hinsicht als "außerordentlichen Akt der Freiheit": Er mache zum einen deutlich, "dass die höchste und verbindlichste Norm des Menschen immer die persönliche und freie Gewissensentscheidung ist". Zum anderen sei das Zentrum der Weltkirche wahrscheinlich noch nie so frei gewesen wie heute: Benedikt XVI. konnte seine persönliche Entscheidung "zum Wohl der Kirche" frei von Bedrohungen durch feindliche Mächte treffen und im Vertrauen darauf, dass die Kardinäle auch in aller Freiheit den nächsten Papst wählen können.
"Papstwahl ist liturgischer Akt"
Im Unterschied zu Wahlen im politischen Bereich ist die Papstwahl "ein ausgesprochen liturgisches Geschehen". Das erklärte Kardinal Schönborn im Gespräch mit Medienvertretern nach der Eucharistiefeier in seiner römischen Titelkirche Gesu Divino Lavoratore am Sonntagabend. Der Ort der Papstwahl, die Sixtinische Kapelle, sei "kein Verhandlungssaal", auch "wird dort nicht diskutiert". Dass die Papstwahl ein "liturgischer Akt" ist, werde durch die liturgische Kleidung der Kardinäle deutlich, die in Chorkleidung beim Konklave gemeinsam beten und im Rahmen dieser Liturgie unter Anrufung Jesu Christi einzeln ihre Stimme abgeben.
Gefragt nach den wichtigsten Eigenschaften für den neuen Papst, sagte der Kardinal, dass dieser "ein Mann des Evangeliums" sein müsse. Er erinnerte an die biblische Frage Jesu Christi an den Apostel Petrus: "Liebst Du mich?" Dies sei auch heute die Kernfrage an den zu wählenden Nachfolger des Apostels Petrus, unterstrich der Kardinal. Alle anderen nötigen menschlichen und leitungsbezogenen Fähigkeiten für dieses Amt seien wertlos, wenn diese Christusbeziehung nicht gegeben ist.
Mit Blick auf den emeritierten Papst sprach der Kardinal davon, dass "der Geist von Benedikt XVI. im Vorkonklave sehr präsent ist". Anfangs sei die Stimmung unter den Kardinälen aufgrund des Amtsverzichts des Papstes von "Nachdenklichkeit und Betroffenheit" gezeichnet gewesen. Nach einigen Tagen sei bei den Beratungen in den Generalkongregationen dann aber eine "Aufbruchsstimmung" durch das "nüchterne, ehrliche und wahrhaftige Gespräch" entstanden.
Benedikt XVI. hinterlässt in mehrfacher Hinsicht ein großes Erbe. Das unterstrich Kardinal Schönborn und verwies auf dessen theologisches Werk und vor allem auf die vielen Reden und Predigten während des Pontifikats, die primär der Glaubensvertiefung dienten. Benedikt XVI. bleibe auch als Person ein Maßstab für die Wahl des nächsten Papstes. Diesen habe seine "schlichte Menschlichkeit gepaart mit überragender Intelligenz und großer Bescheidenheit" ausgezeichnet. Sein Anliegen, "weniger von der Kirche und mehr von Gott zu reden", sei ein bleibender Auftrag.
Quelle: Kathpress