Erster Angelus von Papst Franziskus
Vor rund 150.000 Gläubigen hat Papst Franziskus am Sonntagmittag sein erstes Angelus-Gebet gesprochen. Schon viele Stunden vorher hatte sich der Petersplatz mit Menschen gefüllt. Die Polizei hatte die Zone um den Vatikan großräumig für den Straßenverkehr gesperrt.
Zum ersten Mal seit zweieinhalb Wochen war das "berühmtestes Fenster der Welt" im dritten Stock des Apostolischen Palastes wieder geöffnet, von dem aus sich Franziskus der Menschenmenge zeigte. Zwar wohnt der neue Papst zunächst weiterhin im vatikanischen Gästehaus Santa Marta, bis seine neue Wohnung hergerichtet ist. Aber bereits am Donnerstag hatte er die Wohnung aufgesucht, die am 28. Februar angebrachten Siegel entfernt und von den Räumen offiziell Besitz ergriffen.
Auf dem Platz waren viele Gruß-Transparente und Fahnen zu sehen. Besonders fielen die zahlreichen argentinischen Flaggen, der Heimat des neues Papstes, aber auch von anderen lateinamerikanischen Staaten auf.
Das Angelus-Gebet ("Engel des Herrn") wird in der katholischen Kirche morgens, mittags und abends gebetet. Es greift auf die biblische Überlieferung der Botschaft des Engels Gabriel an Maria zurück und soll die Menschwerdung Christi ins Gedächtnis rufen.
Der Papst spricht den "Angelus" an Sonntagen um 12.00 Uhr vom Fenster seines Arbeitszimmers aus mit Pilgern und Besuchern auf dem Petersplatz, während der Sommerzeit auch im Innenhof seiner Residenz in Castel Gandolfo. Vor dem eigentlichen Gebet im Wechsel mit den Gläubigen hält der Papst eine kurze geistliche Hinführung. Nach dem Segen folgen meist Grüße in verschiedenen Sprachen. Oft nutzt der Papst diesen Anlass für Kommentare zum Zeitgeschehen oder politische Appelle.
Das italienische staatliche Fernsehen überträgt den "Angelus" jeweils live. Unter Benedikt XVI. (2005-2013) kamen nach Vatikanangaben jedes Jahr insgesamt mehr als eine Million Besucher zu dem Mittagsgebet.
"Etwas mehr Barmherzigkeit verwandelt die Welt"
In seiner kurzen Ansprache unterstrich der neue Papst die endlose Barmherzigkeit, Geduld und Güte Gottes. "Etwas mehr Barmherzigkeit verändert die Welt, es macht sie weniger kalt und mehr gerecht", sagte er. Und er fügte hinzu: "Gott wird nie müde, zu vergeben, werden auch wir nie müde, Vergebung zu erbitten." Denn Gott sei der liebevolle Vater, der stets vergebe und Barmherzigkeit gegenüber allen übe.
Lauter Applaus brandete auf, als Franziskus um 12.00 Uhr zum ersten Mal an das Fenster seiner Wohnung oberhalb des Petersplatzes trat. "Brüder und Schwestern, guten Tag", grüßte er die Anwesenden, und fügte hinzu: "Dieser Platz hat die Dimensionen der Welt." Unterhalb des Fensters hing der bekannte rote Teppich, aber noch ohne Papstwappen. Hinter den Kulissen assistierte dem Papst der maltesische Monsignore Alfred Xuereb, der bereits als zweiter Sekretär - neben Erzbischof Georg Gänswein - für Benedikt XVI. tätig war.
Als Papstnamen habe er sich Franziskus, den Patron Italiens gewählt, berichtete der neue Papst unter dem Applaus der Menschen auf dem Petersplatz. Er wollte damit die geistige Bindung an dieses Land unterstrichen, aus dem seine Familie stamme. Aber dann habe er auch eine neue Familie, die Familie der Kirche, unterstrich der neue Papst.
Verweis auf Kasper-Buch
In seinen Ausführungen über die Barmherzigkeit als Grundakzent der Kirche verwies Franziskus ausdrücklich das Buch mit dem Titel "Barmherzigkeit" von Walter Kasper. Er habe dieses Buch in den vergangenen Tages gelesen, und es habe ihm sehr gut getan - "aber glaubt nicht, dass ich Werbung für die Bücher des Kardinals mache", meinte Franziskus scherzend.
An die kurze Ansprache schloss sich das Angelus-Gebet an, auf das der Apostolische Segen folgte. Danach bedankte sich Franziskus nochmals bei allen Gläubigen, vor allem bei den Bürgern Roms und ganz Italiens. Nach 11 Minuten verabschiedete er sich mit einem einfachen "Guten Sonntag, und gutes Mittagessen".
Römischer Bürgermeister: 300.000 bei Angelus
Der römische Bürgermeister teilte am Sonntag nach dem ersten Angelus-Gebet von Papst Franziskus mit, dass sich nahezu 300.000 Gläubige - und damit annähernd doppelt so viele wie vom Vatikan offiziell angegeben - auf dem Petersplatz eingefunden hätten. "Das bezeugt die große Nähe der Pilger zum neuen Papst. Unzählige Römer haben mit ihrer Anwesenheit auf dem Petersplatz den neuen Papst begrüßen wollen", zitierte die Austria Presse Agentur (APA) Bürgermeister Gainni Alemanno.