
Bischof Scheuer: Mensch ist wichtiger als Kapital
Menschen sind nicht bloße Kostenstellen für Wirtschaft und Produktion, sondern zuerst "Subjekte der Arbeit" mit Recht auf gute Arbeit, gerechten Lohn und soziale Sicherheit. Das hat der Tiroler Diözesanbischof Manfred Scheuer am Dienstagabend in der Innsbrucker Jesuitenkirche betont. Die Katholische Arbeitnehmer Bewegung und die Tiroler Arbeiterkammer hatten am Feiertag des heiligen Josef - er ist Landesheiliger Tirols und Schutzpatron der Arbeit - zur "Josefsmesse" geladen, die unter dem Thema "Unser täglich Brot" stand.
Arbeitsbedingungen entscheiden heute wesentlich über Glück und Unglück, Heil und Unheil im Leben, stellte Scheuer fest: Keine gute Arbeit zu besitzen mache krank. Das Leben arbeitsloser Menschen sei von Unsicherheit, Angst und Stress geprägt, viele fühlten sich nicht mehr gebraucht, wüssten nicht, wie es weitergeht und trauten sich nicht mehr unter die Leute. Die verbreitete Vorstellung, Arbeitslosen seien selbst an ihrer Misere schuld, etwa weil sie ungenügend qualifiziert, mobil und motiviert seien, trage dazu wesentlich bei. "Unhinterfragt besitzt Arbeit somit nach wie vor einen sehr hohen persönlichen Stellenwert", bemerkte der Bischof.
Dennoch verschwinde die Arbeit immer mehr aus dem gesellschaftlichen Bewusstsein, sei ungesehen und werde kaum thematisiert, "und wenn, dann nur in Zahlen", so Scheuer. Als Ursache sehe er, dass Arbeit im finanzgetriebenen Kapitalismus "zum reinen Kostenfaktor" verkommen sei und keinen Wert mehr besitze, sondern nur noch einen Preis: "Je billiger sie zu haben ist, desto besser für die Wirtschaft." Entsprechend seien im Werbeprospekt und im Regal Bedingungen, Mühen oder Billiglöhne hinter Produkten und Dienstleistungen ebenso wenig ersichtlich wie Ressourcenverbrauch und Verteilung des Profits.
Mensch muss im Zentrum stehen
"Hinter jeder Arbeit steckt aber ein Mensch", betonte Scheuer mit einem Verweis auf die Katholische Soziallehre: Hier sei "ganz unmissverständlich vom Vorrang der Arbeit gegenüber dem Kapital" die Rede und davon, dass die Arbeit und somit der Mensch im Zentrum des Wirtschaftens stehen. Das christliche Menschenbild, mit dem die Kirche auch die Finanz- und Wirtschaftskrise beurteile, rücke den Menschen in die Mitte von Arbeit und Wirtschaft, "als Ebenbild Gottes, der sich seine Würde nicht erst 'verdienen' muss", wie Scheuer unter Berufung auf die Katholische Soziallehre betonte.
Die Vervielfachung von Produktgütern und Machtgewinn dürften somit nicht alleinige Ziele der Wirtschaft sein, sondern seien stets hinter die Erfüllung der Bedürfnisse des Menschen zu reihen: Arbeit diene "der Existenzsicherung, dem Aufbau von Gemeinwohl und der schöpferischen Verwirklichung des Menschen", so Scheuer mit einem Verweis auf die Pastoralkonstitution "Gaudium et Spes", mit dem das Zweite Vatikanische Konzil den Menschen bereits als "Urheber, Mittelpunkt und Ziel der Wirtschaft" beschrieben hatte.
Als ein wichtiges Indiz für den Umgang mit Arbeit, mit dem Menschen und der Schöpfung allgemein bezeichnete der Innsbrucker Bischof den Symbolwert des Brotes. Die Einstellung und Wertschätzung gegenüber diesem habe sich deutlich verändert, gelte es doch hierzulande als Wegwerfprodukt. Als "naiv und vormodern" erscheine heute dadurch die Denkweise, Brot sei Leben und Lebensmittel, Symbol für Gottes Zuwendung zum Menschen, für Gemeinschaft sowie für Würde und Wert menschlicher Arbeit. In gleicher Weise hätten auch Alltag, Arbeit und Natur für die meisten den religiösen Charakter und Wert verloren, bedauerte der Bischof.
Quelle: Kathpress