
Hohe Abtreibungsrate bei Down-Syndrom-Kindern
90 Prozent der Kinder mit Down-Syndrom kommen nicht zur Welt. Im Jahr 2010 wurden in Österreich laut WHO gerade einmal zwölf von dieser Beeinträchtigung betroffene Kinder geboren. Auf diese alarmierenden Zahlen haben am Donnerstag die "Aktion Leben" und die evangelische Diakonie aufmerksam gemacht. Die "Aktion Leben" fordert angesichts dieser "bestürzenden Entwicklung" in Richtung Selektion verstärkte Informationen über psychosoziale Beratung bei auffälligen Befunden sowie über das Down-Syndrom selbst.
Der "mittlerweile flächendeckende Einsatz von Pränataldiagnostik (PND)" habe zu der kontinuierlichen vorgeburtlichen Selektion von Kindern mit Down-Syndrom geführt, so Martina Kronthaler, Generalsekretärin der "Aktion Leben Österreich" in einer Aussendung. Der eigentliche und wichtige Zweck der vorgeburtlichen Untersuchungen - die Sorge um die Gesundheit ungeborener Kinder - werde dadurch "ins Gegenteil verkehrt".
Dazu passe, dass in Österreich die "eugenische Indikation" kaum öffentlich diskutiert werde. Dabei gehe es um die Möglichkeit, Kinder mit Behinderungen bis zum Einsetzen der Wehen straflos zu töten. "Nicht einmal eine Statistik gibt es, wie viele Schwangerschaften im Rahmen der eugenischen Indikation beendet werden und welche Behinderungen dazu führen", kritisierte Kronthaler: "Kinder mit Down-Syndrom leben aber ebenso gerne wie andere Kinder. Das Leben mit ihnen ist anders, aber keinesfalls weniger lebenswert."
Anstatt die sozialen Probleme zu lösen, werde "der Medizin zugemutet, lebensfähige ungeborene Kinder zu beseitigen", kritisierte Kronthaler. Schwierig sei für Eltern etwa nach wie vor, geeignete inklusive Betreuungs- und Schulplätze zu finden. "Es braucht einen Anspruch auf Betreuungsplätze." Besonders schwierig stelle sich die Suche nach Arbeitsplätzen dar. Kronthaler: "Wir erwarten von der Politik rasch konkrete Schritte zur Inklusion, damit Kinder und Eltern mit Down-Syndrom gute Lebenschancen vorfinden."
Bedauerlich sei weiters, dass die Möglichkeit der psychosozialen Beratung kaum beworben werde. Eltern, die erfahren , dass ihr Kind Down-Syndrom oder eine Behinderung hat, stünden zumeist unter Schock. Diesen aufzufangen und sodann Informationen und Vernetzungen anzubieten, sei dabei eine wichtige Aufgabe. Vor allem bräuchten diese Eltern Zeit: "Eine Entscheidung über Leben oder Tod eines Kindes kann nicht unter Zeitdruck getroffen werden."
Information und Begleitung
Die evangelische Diakonie wird deshalb ab April in Linz eine Beratungsstelle für werdende Eltern von Kindern mit Behinderung eröffnen. Leider müsse die Beratungsstelle mit privaten Mitteln finanziert werden, so Diakoniedirektor Michael Chalupka am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Wien. Die Diakonie werde von ihrer langjährigen Forderung nach einer öffentlichen Finanzierung von Beratungsangeboten sowie einem Ausbau von Unterstützungsangeboten nicht abrücken, "denn ohne fremde Hilfe kann man sich ein Leben mit Behinderung kaum vorstellen". Obwohl schon das Regierungsprogramm von 2008 den "Ausbau psychosozialer Beratungsangebote für Eltern" vorsehe, habe das Familienministerium diesbezüglich bis jetzt keine Schritte gesetzt, so der Diakoniedirektor.
"Der Fokus der Beratung werde auf Information und Begleitung während der Schwangerschaft liegen, "wobei das Ziel ist, dass durch umfassende Information die Elternschaft von Kindern mit Behinderungen positiv gestaltet werden kann", betonte Andrea Boxhofer, Geschäftsführerin der Diakonie in Linz.
Für Prof. Ulrich Körtner, Mitglied der Bioethikkommission im Bundeskanzleramt, ist es "unethisch, wenn werdende Eltern in dieser Konfliktsituation allein gelassen oder nicht ausreichend und umfassend beraten werden. Hier gibt es in Österreich eindeutig Verbesserungsbedarf."
Der evangelische Theologe machte auf ein besonderes Problem aufmerksam, dass sich bei Spätabtreibungen nach der 22. Schwangerschaftswoche ergibt und ein besonders gutes Beispiel für die Widersprüchlichkeit sei, "in die wir durch die moderne Medizin geraten". Einerseits würden Ärzte um das Leben von Frühgeburten kämpfen, die kaum 500 Gramm wiegen und möglicherweise nur mit Behinderung überleben, andererseits würden aufgrund von Pränataldiagnosen Kinder im gleichen Entwicklungsstadium abgetrieben. Um zu verhindern, dass sie bei der Abtreibung lebend geboren werden, und dann als Neugeborene versorgt werden müssten, werde das Kind im Mutterleib gezielt getötet.
Neugeborenen-Box für Eltern
Die "Aktion Leben Oberösterreich" hat eine "Neugeborenen-Box" mit vielen Informationen über Beratung, Medizin, Therapie und Förderung vorfinanziert. Erstellt wurde sie von Eltern mit Down-Syndrom-Kindern. Die Box im Wert von 70 Euro erhalten Eltern bei der Geburt eines Kindes mit Down-Syndrom gratis in oberösterreichischen Landes-Krankenhäusern und Ordensspitälern.
Infos: www.aktionleben.at, www.diakonie.at
Quelle: Kathpress