
"Spenden ist sittliche Pflicht "
Teilen ist eine sittliche und religiöse Pflicht und hat mit Gerechtigkeit zu tun: Das war der Tenor einer Podiumsdiskussion mit Vertretern der katholischen und evangelischen Kirche, von Judentum und Islam anlässlich des Spendentages 2013 in der Diplomatischen Akademie in Wien. "Spenden und Teilen ist eine sittliche Pflicht, die auf der Bibel gründet. Wer dem nicht nachkommt, verfehlt sich in der Nächstenliebe und sündigt", so Heinz Hödl von der Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz.
Schon in den frühen christlichen Gemeinden sei es selbstverständlich gewesen, für die Armen und die kirchlichen Notwendigkeiten zu geben, so Hödl. Das gelte ungebrochen bis heute: Ein Beispiel dafür sei das sonntägliche Sammeln in den Gottesdiensten. In der Bibel spreche man vom vorbildlichen Almosengeben. Das gelte vor allem für Wohlhabende. Die Grundregel laute: Je höher das Vermögen, desto dringender die Pflicht, es zu teilen. "Wer dieser Verpflichtung nicht nachkommt, entspricht nicht der Nächstenliebe und sündigt." Der Kirche komme in dieser Hinsicht eine Vermittlerrolle zu. "Es ist ihre Aufgabe, das Gespendete, effizient, gerecht und sachlich zu verteilen", betonte Hödl.
In Österreich bestünde auf Grund des Kirchenbeitrags eine Sondersituation, so Hödl im Anschluss der Diskussion gegenüber "Kathpress". Der Kirchenbeitrag sei aber keine Spende im direkten Sinn sondern besser mit dem Wort Almosen zu umschrieben, erklärt der frühere Geschäftsführer der "Dreikönigsaktion" der Katholischen Jungschar. Die Abgabe sei zum einen für die Armen und zum anderen für die kirchlichen Notwendigkeiten und ihre Sendung bestimmt.
Die protestantische Tradition des "Almosen geben" fängt mit dem Widerstand gegen Spenden an, erläuterte Diakoniedirektor Michael Chalupka. Der Auslöser der Reformation sei der Widerstand Martin Luthers gegen den Ablasshandel - einer Abgabe zum Bau des Petersdoms, die Seelenheil versprach - gewesen. Deshalb gebe es im Protestantismus dieses gespaltene Verhältnis zum Spenden, führte Chalupka weiter aus. Auf der einen Seite stehe die besondere Betonung des Gebens und auf der anderen Seite eine massive Kritik am falschen Geben.
Ebenfalls Einfluss auf das heutige evangelische Verständnis von Spenden habe die Tradition der zwei Reiche-Lehre, die besagt, dass die Kirche für den Glauben zuständig ist und der Staat für "den Rest". Schulen zu führen oder soziales Elend zu beseitigen, sei zum Beispiel Aufgabe der öffentlichen Hand. "Sozialem Elend über höhere Steuern entgegenzuwirken mache mehr Sinn, als das nötige Geld im Nachhinein durch Spenden aufzutreiben", so Chalupka.
Im Judentum und Islam gibt es so etwas wie eine religiöse Pflicht zum Teilen. Jeder Moslem sei dazu verpflichtet, 2,5 Prozent seines stehenden Vermögens pro Jahr für Bedürftige abzuliefern, erklärte Carla Amina Baghajati, Frauenbeauftragte der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Österreich. Im Judentum beläuft sich die verpflichtende Abgabe auf zehn bis 20 Prozent des monatlichen Nettoeinkommens, erläuterte Schlomo Hofmeister, Gemeinderabbiner in Wien. Theologisch betrachtet handle es sich hier um keine Spende sondern um die Pflicht, Geld abzuführen, waren sich die beiden Religionsvertreter einig.
Dahinter stecke sowohl im Judentum als auch im Islam der Gedanke der sozialen Gerechtigkeit und der Abhängigkeit des Menschen von Gott, der Geber der verschiedenen Reichtümer sei. Über diese Grundabgabe hinaus gebe es in beiden Religionen die Spende im eigentlichen Sinn, die jedem Gläubigen frei stehe.
Mit auf dem Podium saß als Vertreter der Wissenschaft Universitätsprofessor Claus Lamm, Sozialpsychologe an der Universität Wien. In der Psychologie und Neurowissenschaft werde zwischen intrinsischer Motivation - einem Antrieb, der aus dem Inneren des Menschen kommt - und einer extrinsischen Motivation - einem Gebot oder Verbot - unterschieden. Intrinsische Motivation sei der wichtigste Motivator, um ein Verhalten über längere Zeit aufrecht zu erhalten. Über Bestrafung und Gebote funktioniere das meistens nur kurzfristig, so Lamm.
Dabei stünden Menschen immer im Spannungsfeld zweier Motivlagen. Auf der einen Seite stehe der Eigennutzen, auf der anderen Seite das Gemeinwohl. Kunst des Fundraising sei es, den Menschen zu vermitteln, dass das Gemeinwohl auch etwas für das Individuum bringt. Entscheidend wäre aber auch hier die intrinsische Motivation. "Man muss den Leuten vermitteln, dass das, wofür gegeben wird, ein Teil von ihnen selbst ist. Denn, wenn Menschen gute Taten setzen, die im Einklang mit ihren Werten sind, dann werden im Gehirn die gleichen Prozesse ausgelöst, die abgehen, wenn Menschen direkt von etwas profitieren", erklärte Lamm.
2012 brachte nach ersten Hochrechnungen einen neuen Spendenrekord, heißt es im Spendenbericht des Fundraising Verband Austria, der den Spendentag veranstaltete. Das Spendenaufkommen habe 2012 das erste Mal die "eine halbe Milliarde Euro-Marke" überstiegen. "Allerdings bleibt das Wachstum moderat und wird voraussichtlich knapp über der Inflationsrate liegen", so der Bericht. Wenige Veränderung habe es in der Verteilung der Spenden gegeben: Rund 77 Prozent der Spenden erhalten die 50 größten Spendenorganisationen, allen voran das Rote Kreuz und die Caritas. Das meiste Geld spenden Österreicher für Kinder, Behinderte, Katastrophenhilfe im Ausland und Tiere. Zu den Großspendern zählen Herr und Frau Österreicher aber nicht. "Überproportional viele Personen schwächerer Einkommensschichten spenden, während Großspenden beinahe fehlen", heißt es in dem Bericht weiter.