
"Baustellen der Familienpolitik"
Auf eine Reihe akuter "Baustellen in der Familienpolitik" weist der Katholische Familienverband Österreichs (KFÖ) hin. Familien bräuchten heute mehr denn je Verlässlichkeit, Zeit, finanzielle Ressourcen und Wahlfreiheit, unterstrich KFÖ-Präsident Alfred Trendl bei einer Pressekonferenz am Donnerstag in Wien. Familienpolitik sei kein Gegenstand parteipolitisch-ideologischer Gefechte, sondern brauche einen "nationalen Konsens". Trendl äußerte sich aus Anlass des 60-Jahr-Jubiläums des KFÖ, das am Samstag, 20. April, mit einem Festakt unter dem Titel "Gemeinsam Zukunft gestalten" gefeiert wird (Beginn: 11.15 Uhr, Ort: Raiffeisen-Forum, Wien).
Unverständlich und eine "große Ungerechtigkeit" sei laut Trendl die seit Jahren ausständige "Wertanpassung aller Transferleistungen und Steuerleistungen für Familien". De facto würden die Familienleistungen durch die Inflation Jahr für Jahr um 2 bis 3 Prozent gekürzt. Es sei daher eine Frage des "gerechten Ausgleichs und der gerechten Teilhabe der Familien an der Gesellschaft", die Leistungen zu valorisieren, wie dies auch in anderen Bereichen sozialer Leistungen selbstverständlich sei.
Die finanziellen Nachteile, die Familien durch die fehlende Wertanpassung erleiden, verdeutlichte Trendl u.a. an den Beispielen des Kinderbetreuungsgeldes und des Steuerfreibetrages für Eltern mit einem behinderten Kind. So seien die Kinderbetreuungsgeldsätze seit mittlerweile 11 Jahren nicht mehr angepasst worden - was berechnet etwa auf die "30+6-Monate"-Variante (= 436 Euro pro Monat) einen Wertverlust von 26 Prozent oder Netto 3.400 Euro für die Familien bedeute. Noch eklatanter falle der Wertverlust bei Familien mit einem behinderten Kind aus: Dort sei der Freibetrag von 262 Euro seit 1989 nicht mehr angehoben worden, was einem Wertverlust von 72 Prozent gleichkomme.
Das aktuelle 60-Jahr-Jubiläum des KFÖ sei laut Trendl "kein Anlass, an Pension zu denken": Zwar habe der KFÖ in den vergangenen 60 Jahren vieles erreicht, auch sei er in dieser Zeit zu "dem" Repräsentanten familienpolitischer Anliegen in Österreich geworden, es gebe aber noch vieles zu tun. "Wir wollen gemeinsam Zukunft gestalten, denn nur wenn's den Familien gut geht, geht's uns allen gut", so KFÖ-Präsident Trendl.
Mazal: Politik soll Familienarbeit anerkennen
Für eine stärkere Anerkennung der Familienarbeit etwa in Kollektivverträgen oder im Sozial- und Pensionssystem sprach sich der Leiter des Österreichischen Instituts für Familienforschung (ÖIF), Wolfgang Mazal, aus. Insbesondere Frauen, die neben der Familie großteils nur Teilzeitarbeiten annehmen, entstünden Pensionsnachteile. Diese müssten ausgeglichen werden. Ebenso sprach sich Mazal dafür aus, Familienarbeit in Kollektivverträgen bei Vorrückungen und Vordienstzeiten stärker zu berücksichtigen.
Nachholbedarf sieht Mazal auch im Blick auf die Forschung: So gebe es weder tragfähige statistische Zahlen, was Kinder "kosten", noch Ansätze zu einer volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung (VGR), die aufzeigen könnte, was Familien an ökonomischen Leistungen für die Gesellschaft tatsächlich erbringen. Österreich sei diesbezüglich "leider sehr zurückhaltend", so Mazal.
Prinzipiell ortete Mazahl ein Ungleichgewicht zwischen den familienpolitischen Debatten und der Lebensrealität der Familien in Österreich. "Das Bild der Familien, wie es sich in den Medien und in der Politik darstellt, entspricht nicht der Lebensrealität." So seien die Familien mittlerweile im öffentlichen Diskurs mit dem "Dogma der Professionalisierung" konfrontiert - von der Bildungspolitik bis zur Gesundheitspolitik. Familien seien jedoch gerade nicht Horte der Professionalität, sondern des Unplanbaren, Spontanen, des Lebendigen, so Mazal. Damit würden Familien zu "Orten des Lebens an sich", die es auch Seitens der Politik zu schützen und zu unterstützen gelte.
Aus Anlass des 60-Jahr-Jubiläums präsentierte der KFÖ bei der Pressekonferenz außerdem eine Festschrift unter dem Titel "Lesebuch der Zukunft. Familie 2030". Der Band versammelt Beiträge von 57 Autoren - darunter "Familienbischof" Klaus Küng, Caritas-Präsient Franz Küberl, ÖVP-Behindertensprecher Franz-Joseph Huainigg, der Familientherapeut Jeser Juul und der Salzburger Sozialethiker Prof. Clemens Sedmak. Ziel des Bandes ist es, einen Blick in die Zukunft der Familienentwicklung und der Familienpolitik zu wagen, wie die zuständige Vizepräsidentin des KFÖ, Irene Kernthaler-Moser, bei der Pressekonferenz erläuterte.
O-Töne der Pressekonferenz zum 60-Jahr-Jubiläum des Katholischen Familienverbandes können unter www.kathpress.at/audio abgerufen werden.