
"Franziskus erfindet Papstamt neu"
In seinen ersten Wochen als Papst hat Franziskus das Pontifikat bereits "neu erfunden", urteilt Bernd Hagenkord, Leiter der deutschsprachigen Redaktion von "Radio Vatikan". Der Jesuitenpater sprach am Donnerstagabend vor dem Verband katholischer Publizisten Österreichs in Wien über seine bisherigen Eindrücke über "den Bischof von Rom und Nachfolger des Apostels Petrus", wie sich Franziskus immer wieder selbst bezeichnet. "Der Papst stellt viel in Frage und erschüttert viel - in seinem Auftreten, das mehr ist als nur Stil, in der Dynamik, die er in der Kirche sehen will, und durch neue Denkweisen, die uns Europäern teils nicht vertraut sind."
Er sehe Franziskus als "Papst auf Augenhöhe", betonte Hagenkord. "Sein 'Buona sera!' gleich nach der Wahl war eine steile Ansage - so locker und formlos ist noch nie ein Papst aufgetreten." Franziskus setze nicht auf große Gesten etwa von Johannes Paul II., der "mit einer Umarmung den ganzen Petersplatz umarmt hat", sondern widme selbst vor Menschenmassen stets seine ganze Aufmerksamkeit der kleinen Gruppe von Menschen um ihn. "Er ist direkt, unmittelbar - und dadurch authentisch."
Vorrangige Option für die Armen
Viele Details machten für ihn ersichtlich, so der Jesuitenpater, dass Franziskus wie sein Namensgeber "das Evangelium leben will" - etwa der Verzicht auf die roten Schuhe, die Rückkehr zum Kreuzstab von Paul VI. oder der Verbleib im Gästehaus Santa Marta, wo der Papst täglich mit Hausangestellten frühstückt. "Wenn er 40, 50 Minuten lang Behinderte und Alte umarmt, küsst oder segnet, so hat er keine Angst davor, sein Amt zu beschädigen. Das ist bewundernswert", so Hagenkord.
Von daher sei in diesem Pontifikat eine Konkretisierung der "vorrangigen Option für die Armen" zu erwarten. Als Jesuit würde der jetzige Papst dem Begriff "Gerechtigkeit" einen sehr hohen Stellenwert einräumen. Darüber hinaus würde der Heilige Franziskus gerade bei den Jesuiten in großer Verehrung stehen, gab Hagenkord zu bedenken.
Als weiteres Charakteristikum hob der "Radio Vatikan"-Redaktionsleiter hervor, dass Franziskus besonderes Augenmerk auf den Heiligen Geist lege. "Eine Schlüsselaussage in einer der bereits legendär gewordenen, frei gesprochenen Morgenpredigten war: 'Der Heilige Geist drängt, doch wir sind bequem'. Nachdem Benedikt XVI. in seinen Schriften besonders um die Person Jesus gekreist war, haben wir nun einen 'Heiligen-Geist-Papst'", so Hagenkord.
Damit verbunden seien auch bisherige Andeutungen des Papstes zum Umgang mit dem Zweiten Vaticanum: Es gebe vom Konzil heute "noch zu wenig" in der Kirche, zudem müsse es "für mehr Dynamik" sorgen und ein "Hinausgehen" anregen. "Der Papst hat für diese Aussage Prügel eingesteckt - doch Kritik von Rechts macht ihn noch nicht zu einem Liberalen", warnte Hagenkord vor vorschnellen Etikettierungen. Deutlich sei hier Franziskus' Anliegen, das Konzil mehr als geistigen Prozess zu verstehen und dadurch festgefahrene Positionen aufzubrechen, nachdem in der Debatte zuletzt vorrangig das Verhältnis zur den Piusbrüdern wahrgenommen worden war.
Das "Fremde, Querliegende" am Papst sei aus europäischer Sicht das regelmäßige Sprechen über den Teufel - "und zwar mit einer Selbstverständlichkeit, an die wir nicht gewohnt sind", so der Jesuit. Es sei eine "Versuchung", dies "zu schnell verstehen zu wollen", als exotisch zu betrachten oder wegzuerklären. Hagenkord: Wenn man hier in Europa sagt, "im 21. Jahrhundert kann man doch nicht so über den Teufel reden, so ist dies eine überhebliche, paternalistische Sichtweise." Derartige Denkkategorien würden ein Verstehen blockieren, so der "Radio Vatikan"-Chef.
Mit Blick auf die von vielen erwartete Kurienreform ortete Hagenkord in der Einsetzung der neuen Kardinalskommission einen wichtigen Schritt. Papst Franziskus "will den Rat der Weltkirche", dies komme durch die Zusammensetzung der Kommissionen aus allen Teilen der Welt deutlich zum Ausdruck.
Erbe Benedikts XVI. lässt "noch lange zehren"
Rückblickend auf das vergangene Pontifikat betonte Hagenkord, es bleibe "viel Text" als Erbe, selbst für theologisch Andersdenkende: "Papst Benedikts Hauptthema war, wie man den Glauben in der modernen Gesellschaft leben kann. Davon werden wir noch jahrelang zehren", so der Medienmann aus dem Jesuitenorden. Auch das Thema der Religionsfreiheit habe die Reden des nunmehrigen "Papa emeritus" durchzogen.
Den Rücktritt des Papstes aus Deutschland sei auch für ihn eine große Überraschung gewesen, so der Vatikan-Experte, "besonders die Tatsache, dass er zwei seiner geistigen Kinder, die Enzyklika zum Glaube und das von ihm initiierte 'Jahr des Glaubens' im Stich gelassen hat". Das sei zugleich jedoch auch ein weiterer Hinweis darauf, dass Benedikts XVI. Begründung des Rücktrittes durch die Altersbeschwerden tatsächlich zuträfen.