
Bildungsoffensive gegen Arbeitslosigkeit
Die Regierung sollte in den Augen der Caritas durch mehr Augenmerk auf Bildung und berufliche Qualifikation der Arbeitslosigkeit entgegenwirken. Das haben Vertreter der Caritas der Erzdiözese Wien und des Arbeitsmarktservices (AMS) Wien am Dienstag in einer gemeinsamen Pressekonferenz erklärt. Am 30. April, der traditionell als "Tag der Arbeitslosen" begangen wird, wurden der "Qualifikationsplan Wien 2020" sowie die sozialökonomischen Betriebe als konkrete Maßnahmen vorgestellt, um speziell die Langzeitarbeitslosigkeit zu bekämpfen.
"Die Sorge der Menschen um die eigene Arbeit wächst. Obwohl etwa in Wien so viele Menschen wie nie zuvor in Beschäftigung sind, ist auch die Arbeitslosigkeit auf einem Rekordhoch", stellte Wiens Caritas-Direktor Michael Landau fest. Besonders betroffen seien Frauen und Männer mit geringer formeller Qualifikation: Jobs für sie würden im Zuge der Transformation in die Wissensgesellschaft immer weniger, das Risiko der Arbeitslosigkeit steige. "Je geringer die formale Bildung, desto eher sind Menschen von Einkommensarmut betroffen und bleiben es. Zudem wird Bildungsarmut auch an die nächste Generation vererbt", so Landau.
Tatsächlich stieg seit 1998 das Arbeitslosenrisiko nur bei jenen Personengruppen, die ein geringes Bildungsniveau besitzen, während es bei den anderen konstant blieb. 46 Prozent aller Erwerbslosen haben in Österreich maximal die Pflichtschule abgeschlossen, in Wien sind es bei den Arbeitslosen unter 25 Jahren sogar 76 Prozent. Insgesamt waren im Jahr 2012 österreichweit 850.000 Menschen zumindest einmal arbeitslos gemeldet, in der Bundeshauptstadt im vergangenen März 120.000, wobei 36.000 davon als Langzeitarbeitslose gelten. "Arbeitslos zu sein bedeutet nicht nur Sorge um die finanzielle Existenz, sondern auch, im Abseits zu stehen, aus dem täglichen Leben herausgerissen und einsam zu sein", erklärte der Caritas-Direktor.
Die Förderung sozialökonomischer Betriebe bezeichnete AMS-Chefin Petra Draxl als "wichtige Maßnahme, um Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten zu verstärken". Entscheidend sei hier vor allem, Menschen für die spätere Integration am "ersten Arbeitsmarkt" vorzubereiten - was durch die Erfassung der individuellen Defizite und Nöte, den Ausbau der Lernfähigkeit, dem Nachholen von Basisqualifikationen sowie durch Nachbetreuung gelinge. "Stärker müssen wir uns noch damit beschäftigen, welche zusätzlichen Qualifikationen unsere Kunden für den ersten Arbeitsmarkt brauchen - damit jene, die hier zu einer Arbeit kommen, auch in der Arbeit bleiben", so Draxl.
Mit "niederschwelligen Projekten" von unterschiedlichen Ansätzen gelinge es dem Zusammenwirken vieler Akteure, Menschen in den Arbeitsmarkt zurückzuführen, berichtete auch Landau und mit einem Verweis auf die fünfte Caritas-"Jobmeile", in deren Rahmen die Pressekonferenz stattfand. Der Caritas-Direktor mahnte jedoch zugleich, dass derartige Projekte stets nur Folgen, nicht jedoch die strukturellen Ursachen des Problems bekämpfen könnten.
Baustellen Bildung und Migration
Künftig sei eine Bildungsreform auch aus Sicht des Arbeitsmarktes dringend notwendig. "Dringender als die aktuelle Oberstufen-Debatte wäre es, Verbesserungen im Kindergarten und in der Volksschule zu erreichen, die Elementarpädagogik aufzuwerten und Schulabbrüchen entgegenzuwirken", so Landau. Ein weitere Baustelle seien die bestehenden Hürden der Anerkennung von im Ausland erworbenen Qualifikationen: "Nur 18 Prozent der Migranten stellen einen Antrag auf Anrechnung akademischer Abschlüsse, und bei sekundären Bildungsabschlüssen ist der Aufholbedarf noch größer."
Unterstützung signalisierte der Wiener Caritas-Direktor für den "Qualifikationsplan Wien 2020", den Draxl vorstellte. "Ziel ist es, so vielen Menschen wie möglich zu einem qualifizierten Abschluss zu verhelfen - und Anzahl von Personen, die nur Pflichtschulabschluss verfügen, zu reduzieren", so die AMS-Chefin.