
Patriarchat Moskau soll Demokratie fördern
Der deutsche Bundestagspräsident Norbert Lammert hat die russisch-orthodoxe Kirche für ihre Nähe zu Präsident Wladimir Putin kritisiert und zur Unterstützung der Demokratie aufgerufen. In Deutschland entstehe der Eindruck, dass die Kirche weniger auf Seiten derjenigen sei, die auf eine Öffnung der Gesellschaft hinarbeiteten, als vielmehr auf Seiten der Machthaber in Moskau, heißt es in einem Kommunique des Bundestags, aus dem die deutsche katholische Nachrichtenagentur KNA am Dienstag zitierte. Lammert äußerte sich beim Besuch des Außenamtschefs der russisch-orthodoxen Kirche, Metropolit Hilarion, der im Bundestag empfangen wurde.
Hilarion übte nach Angaben seiner Kirche im Bundestag Kritik an den neuen, an der Scharia orientierten Regierungen, die aus dem Arabischen Frühling hervorgingen. Die Regierungswechsel seien für die drastische Verschlechterung der Lage der Christen in diesen Ländern verantwortlich. Diese hätten zu einer Schwächung oder gar zum Verschwinden der Kontrollmechanismen zur Aufrechterhaltung des interreligiösen Gleichgewichts geführt.
Seinen kurz zuvor in Moskau erhobenen Vorwurf an westliche Regierungen, sie würden "Mördern, Entführern und Extremisten" in Syrien Waffen liefern, wiederholte Hilarion in Berlin indes nicht in der Öffentlichkeit. Während sich Lammert und Hilarion in ihrer Kritik an der zunehmenden Verfolgung von Christen in der arabischen Welt einig waren, wurden beim Staat-Kirchen-Verhältnis Meinungsverschiedenheiten deutlich.
Das Moskauer Patriarchat unterstrich dazu nach der Unterredung in einer Erklärung, in Russland seien die Beziehungen zwischen Kirche und Staat von gegenseitiger Nichteinmischung gekennzeichnet.
Patriarch weist Kritik zurück
Der Moskauer Patriarch Kyrill I. hatte unlängst in einem Interview mit Blick auf die deutsche Kirchensteuer erklärt, Staat und Kirche seien in der Bundesrepublik viel enger verzahnt als in Russland. Damit wies er Kritik an einer zu engen Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat in Russland zurück.
Wörtlich hatte der Patriarch gegenüber dem griechischen Nachrichtenportal www.romfea.gr im Blick auf den Berlin-Besuch seines "Vize" erklärt: "Das Niveau der Partnerschaft zwischen Kirche und Staat ist in Russland viel niedriger als in Deutschland, wo der Staat für die Kirche Steuern einhebt, oder in England, wo die Monarchin Oberhaupt der anglikanischen Kirche ist, sogar niedriger als in den Vereinigten Staaten, wo der Präsident seinen Amtseid auf die Bibel schwört." Die Beziehungen zwischen Kirche und Staat beruhten in Russland aber - "wie in anderen Staaten des kanonischen Territoriums der russischen Kirche" - auf "gegenseitigem Vertrauen und Respekt", stellte Kyrill I. fest.
Es sei selbstverständlich, dass die Kirche sich nicht in die staatliche Verwaltung einmischt und der Staat nicht in die kirchlichen Angelegenheiten. Zugleich würden Kirche und Staat aber für das Wohl der Menschen zusammenarbeiten.
Es sei schwierig, Politikern und Meinungsmachern im Ausland zu erklären, warum Russland eine "spirituelle Renaissance" erlebt, sagte der Patriarch: "Sie glauben, dass das geschieht, weil es eine geheime Vereinbarung zwischen der Kirche und der staatlichen Bürokratie gibt." Aber "das ist nicht so", betonte Kyrill I. Man könne die Menschen "nicht zum Beten zwingen". Die Entwicklung der Zusammenarbeit zwischen Kirche und Staat in Russland sei das "natürliche Ergebnis" der Entscheidung des Volkes für die Wiederherstellung der in kommunistischer Zeit zerstörten kulturellen Identität des Landes.
Beim Berlin-Besuch Hilarions wurden auch andere Themen behandelt. So brachte der Metropolit bei dem Gespräch mit Lammert nach Kirchenangaben die Hoffnung zum Ausdruck, dass Deutschland weder die Homo-Ehe noch ein Adoptionsrecht für gleichgeschlechtliche Paare einführe.
Zuvor war der Metropolit in Berlin auch mit Kardinal Rainer Maria Woelki zusammengetroffen. Wie die Erzdiözese Berlin mitteilte, appellierten Hilarion und Woelki an die Politik, sich für die entführten syrischen Bischöfe einzusetzen.
Anlass des Deutschlandbesuchs Hilarions war die 100-Jahr-Feier der russisch-orthodoxen Gedächtniskirche in Leipzig. Das Gotteshaus wurde zu Ehren der russischen Soldaten errichtet, die 1813 im Kampf gegen Napoleon fielen.