Ukrainische Kirchen werben für Versöhnung mit Polen
Die ukrainischen Kirchen haben zum 70. Jahrestag der Massaker in Wolhynien und Ostgalizien zur Versöhnung mit Polen aufgerufen. In einer Botschaft im Vorfeld des Gedenktags, des 11. Juli, heißt es: "Wir appellieren an Polen und Ukrainer, noch einmal auszusprechen: 'Vergebt uns wie auch wir Euch vergeben, und lasst uns die Kette des Bösen, die sich über so viele Jahrhunderte hinzog, mit guten Taten durchbrechen.' So sollen wir sprechen, dies sollen wir unseren Kindern und Enkeln beibringen, so sollen wir handeln." Die "blutige Konfrontation zwischen Ukrainern und Polen" im Zweiten Weltkrieg sei eine der "größten Tragödien unserer Geschichte".
Unterschrieben haben den Aufruf laut deutscher katholischer Nachrichtenagentur KNA die Bischöfe und leitenden Geistlichen von sieben Konfessionen in Wolhynien im Nordwesten der Ukraine. Die damaligen Massenmorde belasten bis heute die polnisch-ukrainischen Beziehungen. Unter den Augen der deutschen Besatzung begannen ab dem 11. Juli 1943 ukrainische Nationalisten in zahllosen Massakern, zunächst in Pawliwka, die polnische Zivilbevölkerung systematisch zu ermorden. Die Zahl der Opfer wird bis zu 100.000 angegeben. Bei Vergeltungsaktionen starben bis zu 20.000 Ukrainer.
Die Einordnung der Massaker ist zwischen beiden Ländern nach wie vor umstritten. Viele Polen meinen, die Ukraine habe weder den ganzen Umfang der damaligen Verbrechen zugegeben noch sich dafür entschuldigt. Ein Teil der ukrainischen Historiker stellen den Konflikt als "Befreiungskampf" dar und rechtfertigen damit indirekt die Morde.
Vor dem Zweiten Weltkrieg gehörte die heutige Westukraine zu Polen. Fast alle Historiker beider Länder sind sich inzwischen einig, dass Warschau die Ukrainer damals diskriminierte.
Das jetzige Dokument der ukrainischen Kirchen ist u.a. von dem historischen Brief der polnischen katholischen Bischöfe an ihre deutschen Amtsbrüder von 1965 inspiriert. Sie schrieben bereits 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg: "Wir vergeben und bitten um Vergebung." Den berühmten Satz wiederholten Polens katholische Bischöfe vor einigen Jahren in einem gemeinsamen Versöhnungsaufruf mit der griechisch-katholischen Kirche der Ukraine.
Dennoch sah es vor wenigen Wochen noch so aus, als würde die jetzige Erklärung wegen Bedenken des römisch-katholischen Erzbischofs von Lwiw (Lemberg), Mieczyslaw Mokrzycki, nicht zustande zu kommen. Laut Medienberichten soll er mit einem Erklärungsentwurf nicht zufrieden gewesen sein. Für die römisch-katholische Kirche unterzeichnete nun Weihbischof Stanislaw Szyrokoradiuk, der Apostolische Administrator von Luzk. Die Stadt Luzk ist mit rund 200.000 Einwohnern neben Riwne das zweite Zentrum Wolhyniens.
Auch die ranghöchsten Vertreter aller übrigen Konfessionen in der Region unterschrieben den Aufruf. Es handelt sich um den Luzker griechisch-katholischen Exarchen Bischof Josaphat Oleg Hovera, zwei Bischöfe der orthodoxen Kirche des Moskauer Patriarchats, einen Bischof des orthodoxen Kiewer Patriarchats sowie Geistliche der Pfingstkirche, der Baptisten und der Adventisten.
In dem Papier drücken sie auch ihre Freude darüber aus, dass die polnisch-ukrainischen Beziehungen heute "freundschaftlich" seien. Zugleich warnten sie, dass die "Unversöhnlichkeit einzelner Personen und Gruppen" Zwietracht säen könne: "Lassen wir nicht zu, dass die Feinde der Menschheit unsere Völker wieder gegeneinander aufbringen."
Die polnische Tageszeitung "Gazeta Wyborcza" machte das Dokument am 29. April zu ihrem Aufmacher. Sie nannte es "beispiellos".
Die griechisch-katholische Kirche der Ukraine hatte bereits im März aus Anlass des 70. Jahrestags der Massaker zur polnisch-russisch-ukrainischen Versöhnung aufgerufen. In einem Hirtenbrief riefen die unierten Bischöfe auf, jede politische Manipulation der Geschichte zu unterlassen. Die damalige Tragödie müsse eindeutig verurteilt werden.