
Die Kraft des Gebetes
Die Bundesvorsitzende der deutschen Linkspartei ("Die Linke"), Katja Kipping, sieht Beten als Möglichkeit, neue Kraft zu schöpfen. "Ich habe als Konfessionslose mit dem Beten ein Problem, wenn Beten der reine Appell an einen Gott ist", sagte die Linken-Chefin beim Evangelischen Kirchentag in Hamburg. Wenn Beten aber als Zeit zum Nachdenken, Muße und Kraftschöpfen gesehen werde, erachte sie beides, das Beten und das Kämpfen für Ideale, für wichtig.
An die Institution Kirche habe sie als Humanistin und Feministin jedoch gleich mehrere kritische Fragen, etwa angesichts des Verbots von Kondomen in südlichen Ländern, betonte Kipping. "Und wenn Krankenhäuser kirchlicher Träger Vergewaltigungsopfer abweisen, ist das schlicht unmenschlich", sagte die Bundestagsabgeordnete. "Da muss man als Humanistin auch den Konflikt mit der Institution Kirche suchen", fügte Kipping hinzu.
Ein Plädoyer für den christlichen Glauben und das Gebet hielt Bundeskanzlerin Angela Merkel beim Kirchentag. Der Glaube gibt ihr nach eigenem Bekunden einen festen Rückhalt. "Mein Glaube lehrt mich, dass wir als Menschen auch Fehler machen", sagte die Protestantin Merkel am Donnerstagabend. Eine Vollkommenheit sei für den Menschen nicht vorgesehen.
Die Bundeskanzlerin betonte, sie versuche ihren Glauben in ihrem Amt zu leben, auch wenn ihr das sicher nicht immer gelinge. Er sei ihr in jeder Minute präsent, so Merkel, deren Vater evangelischer Pfarrer war.
Aufrufe zu mehr Engagement sowie Forderungen nach mehr Gerechtigkeit und Solidarität prägten die Bibelarbeiten, Gottesdienste und Podiumsdiskussionen am zweiten Tag des Evangelischen Kirchentags. Nach Angaben von Kirchentagsorganisator Constantin Knall sind in Hamburg mittlerweile 117.000 Dauerteilnehmende registriert. Das bis Sonntag dauernde Christentreffen steht unter dem Leitwort "Soviel du brauchst".
Krise der EU: Kirchen sollen vorangehen
Der ehemalige Ratsvorsitzende der Evangelischen Kirche in Deutschland, Wolfgang Huber, wandte sich gegen "Fatalismus" angesichts aussichtslos erscheinender globaler Fehlentwicklungen. Für Christen kämen die Kapitulation vor der Angst und die Preisgabe der Hoffnung nicht in Frage, so der frühere Berliner Bischof.
Die Kirchen könnten bei der Bekämpfung der gegenwärtigen Krisen in der EU und darüber hinaus "vorangehen". Zwar verfügten sie nicht über Milliarden, so Huber, aber über die "Gabe des unverschämten Drängens".
Beim zentralen ökumenischen Gottesdienst stellten der evangelische Bischof für Norddeutschland, Gerhard Ulrich, der Hamburger katholische Erzbischof Werner Thissen, die evangelisch-methodistische Bischöfin Rosemarie Wenner und der griechisch-orthodoxe Erzpriester Radu Constantin Miron das gemeinsame Bekenntnis der Christen hinter den verschiedenen konfessionell geprägten Formulierungen in den Mittelpunkt. "Je näher wir Christus sind, desto näher kommen wir einander", betonte Ulrich.
Die Hamburger Regionalbischöfin Kirsten Fehrs erklärte bei einer Veranstaltung zum Thema sexualisierte Gewalt, meist reagierten betroffene Institutionen reflexhaft mit der Annahme, solche Taten könnten bei ihnen nicht geschehen. Mit diesen Reaktionsmustern sollten sie sich jedoch auseinandersetzen. "Nur so fühlen sich Betroffene ermutigt, sich zu trauen, die sexuelle Gewalt, die ihnen angetan wurde, öffentlich zu machen", sagte Fehrs.
Problem des lutherischen Antisemitismus
Die evangelischen Bibelwissenschaftler Frank Crüsemann und Klaus Wengst forderten eine Befassung mit dem Antisemitismus Martin Luthers im Blick auf das bevorstehenden Reformationsjubiläum 2017. Ihrer Einschätzung nach gebe es im Blick auf die Haltung Luthers zu den Juden "nichts zu feiern". Manchmal müsse man "auch etwas verlernen", betonte Wengst in Hamburg.
Für Crüsemann geht es darum, "den biblischen Weg Luthers konsequent auch gegen Luther weiterzugehen und das auch deutlich zu sagen". Das Bild des Judentums und das "dazu zwangsläufig führende Menschen- und Gottesbild" des Reformators seien "nicht schriftgemäß". Crüsemann ist emeritierter Alttestamentler in Bielefeld, Wengst emeritierter Neutestamentler in Bochum.
Die antisemitischen Schriften Luthers wurzeln nach Einschätzung der Theologen im Ansatz seines Denkens. "Die reformatorische Rechtfertigungslehre ist vom Ursprung an aufs engste verbunden mit einer massiven Verurteilung des Judentums", erklärte Crüsemann. Allerdings sei eine derart negative Sicht des Judentums kein spezielles Problem Luthers gewesen, sondern liege seit der Entstehung der antijüdischen Ausrichtung des Christentums im zweiten Jahrhundert "ganz unterschiedlichen Theologien gemeinsam zugrunde".