
Bioethik: Debatte zum Klonen geht in neue Runde
Das im US-Bundesstaat Oregon angeblich erstmals geglückte Experiment, menschliche Stammzellen durch Klonen zu erzeugen, ist "nicht nur ethisch bedenklich, sondern auch medizinisch überflüssig": Darauf hat Enrique Prat, Bioethiker und Geschäftsführer des kirchlichen Instituts für medizinische Anthropologie und Bioethik (IMABE), in einem Gastkommentar für die Freitag-Ausgabe des "Standard" hingewiesen. Das US-Forscherteam habe ungeachtet besserer Methoden für Stammzell-Gewinnung zu therapeutischen Zwecken an einer "überflüssigen Technik" weitergeforscht. Diese habe noch dazu eine "bedrohliche Kehrseite" - die Ermöglichung des reproduktiven Klonens, so Prat.
"Das Machbare hat hier die Grenze des Vernünftigen überschritten", befand der gebürtige Katalane und Lehrbeauftragte für Medizin-Ethik an verschiedenen Hochschulen. Reproduktives Klonen sei zwar bereits in vielen Ländern verboten, manche wollten aber statt eines klaren Verbots nur eine differenzierende Regel zwischen "gutem Klonen" und "bösem Klonen". Für Prat stellt sich die Frage, um welchen Preis hier noch eine Türe offen gelassen werde. Er nannte es hoch an der Zeit, "an die internationale politische Vernunft zu appellieren und endlich weltweit und für alle verbindlich das Klonen von Menschen zu verbieten."
Prat erinnerte an die Mitte Mai in der Fachzeitschrift "Cell" publizierte Meldung, in Oregon sei es erstmals gelungen, menschliche Embryonen aus normalen Körperzellen zu klonen. Ein Fernziel der Wissenschafter sei die Gewinnung menschlicher Embryonalzellen für therapeutische Zwecke und nicht die Erzeugung geklonter Menschen, habe es "vorsorglich beruhigend" geheißen.
Der Jubel über diesen "Durchbruch" sei "auffallend verhalten" gewesen, resümierte Prat. Inzwischen kenne die Wissenschaft mehrere, unterschiedlich gut erprobte Methoden, mit denen sie an Stammzellen kommen könne, ohne Embryonen zu "verbrauchen". Der Japaner Shinya Yamanaka habe zuletzt einen Nobelpreis für seine Methode erhalten, induzierte pluripotente Stammzellen (IPS-Zellen) zu erzeugen und dabei ganz ohne Klonen und Embryonenzerstörung auszukommen. Sein Verfahren ermögliche es, eine Körperzelle so zu "verjüngen", dass sie sich wieder unterschiedlich weiterentwickeln kann. Diese quasi-embryonalen IPS-Zellen sind nach Prats Einschätzung "auf der Überholspur, ihnen gehört die Zukunft". Jetzt noch - wie in Oregon - in eine überflüssige Forschung zu investieren sei höchst fragwürdig, meinte der Bioethiker.
Im Rückblick lasse sich sagen: Die Fehlschläge des Forschungsklonens, die mit erhöhtem Krebsrisiko und Embryonentötung verbunden waren, "hatten ihre positive Seite", schrieb Prat. "Man war gezwungen andere Wege zu gehen."
Körtner gegen "voreilige" Forschungsverbote
Zu einer anderen Einschätzung kommt der evangelische Theologe und Vorstand des Instituts für Ethik und Recht in der Medizin an der Universität Wien, Prof. Ulrich Körtner, in einem weiteren "Standard"-Kommentar: Die Behauptung, man habe mit Yamanakas IPS-Zellen eine ethisch unbedenkliche Alternative zu Forschungen wie jenen in den USA, sei "voreilig". Noch sei unklar, welche Verfahren eines Tages wirklich einmal zu neuen Therapien für Krankheiten wie Parkinson führen werden. "Dass alle Welt nur noch mit IPS-Zellen forschen wird, ist frommes Wunschdenken", so Körtner.
Der Theologe bezeichnete es auch als "umstritten", "ob man auch geklonte Embryonen als werdende Menschen betrachten und schützen muss". "Außer Streit stehen" sollte laut Körtner jedoch, dass schon der bloße Versuch, einen Menschen zu Fortpflanzungszwecken zu klonen, unethisch ist und daher unbedingt geächtet und verhindert werden müsste. Österreichs Biopolitik sollte diesbezüglich "aus ihrem Dornröschenschlaf erwachen". Die die Regierung beratende Bioethikkommission (der Körtner angehört) habe schon 2009 dafür votiert, zwar das therapeutische Klonen in Österreich nicht gesetzlich zu verbieten, jenes zu Fortpflanzungszwecken jedoch unbedingt auszuschließen. Der österreichische Gesetzgeber sei seither jedoch untätig geblieben, bedauerte Körtner. Ein wiederholt gefordertes Stammzellenforschungsgesetz lasse noch immer auf sich warten.
Auch therapeutisches Klonen ethisch fragwürdig
Auf die grundsätzliche Problematik auch des therapeutischen Klonens hat der deutsche Moraltheologe Eberhard Schockenhoff in einem Interview der "Süddeutschen Zeitung" (Donnerstag) hinweisen. Dabei werde ein Mensch in der Absicht erzeugt, seinen Entwicklungsprozess wieder abzubrechen. Das sei "mit moralischen Vorstellungen von der Selbstzwecklichkeit eines Menschen, mit dem Instrumentalisierungsverbot und der Achtung der Menschenwürde unvereinbar", sagte Schockenhoff. Die Zielsetzung, Stammzellen zu Heilungszwecken zu gewinnen, mache entsprechende Verfahren "nicht automatisch unbedenklich".
Der Moraltheologe gab sich zugleich keinen Illusionen hin, indem er erklärte: "Der wissenschaftliche Fortschritt ist immer schneller als der Versuch, rechtliche und moralische Rahmen zu setzen." Darüber Konsens herzustellen brauche in einer Demokratie Zeit. "Ethiker und Forscher sind da wie Hase und Igel", sagte Schockenhoff. "Egal, wie schnell die Ethik läuft, sie holt die Forschung nicht ein."
Quelle: Kathpress