
Jesuit als Papst "bedeutet für uns nicht viel"
Dass mit Papst Franziskus nun erstmals ein Jesuit an der Spitze der katholischen Kirche steht, "bedeutet für uns nicht viel": Wie der höchstrangige Vertreter der "Gesellschaft Jesu", Jesuitengeneral Adolfo Nicolas Pachon, am Samstag im Rahmen eines Österreich-Besuchs erklärte, sähen sich die Jesuiten jedem Papst zu besonderem Gehorsam verpflichtet. Deren Loyalität sei nicht von der Ordenszugehörigkeit des Nachfolgers Petri abhängig und habe auch Franziskus' Vorgänger Benedikt XVI. uneingeschränkt gegolten. Nun würden die Jesuiten alles unterstützen, was Franziskus für das Beste für die Kirche hielte, ohne sich durch dessen geistliche Wurzeln irgendwelche Privilegien zu erwarten, wie P. Adolfo Nicolas bei einem Pressegespräch im Wiener Kardinal-König-Haus betonte.
Der 77-jährige gebürtige Spanier, der erst vor knapp drei Wochen auch zum neuen Präsident des internationalen Verbands der Generaloberen der religiösen Orden (USG) gewählt wurde, besucht anlässlich des Jubiläums "450 Jahre Jesuiten in Österreich" hiesige Einrichtungen des Ordens und nimmt an Feierlichkeiten teil. Höhepunkt ist am Sonntag eine gemeinsam mit Kardinal Christoph Schönborn zelebrierte Festmesse im Stephansdom und ein anschließender Empfang im Wiener Erzbischöflichen Palais.
Der Bezeichnung des Generaloberen der Jesuiten als "schwarzer Papst", dem ähnlich viel Einfluss zugesprochen wird wie dem "weißen Papst" auf dem Stuhl Petri, kann P. Adolfo Nicolas wenig abgewinnen. Er verstehe seine Rolle als dienende und in keiner Weise als Macht ausübende. Priorität dabei habe die von der lateinamerikanischen Befreiungstheologie formulierte, aber zum Grundbestand des Christentums gehörende "Option für die Armen". Auch Papst Benedikt habe bei einem Besuch in der römischen Ordenszentrale der Jesuiten diese Ausrichtung explizit unterstrichen.
Leben "menschlicher machen" auf neuen Wegen
Das Leben der Menschen im Geist Christi "menschlicher zu machen" und Leid in Form von Gewalt, Krieg oder Armut zu lindern sieht der Jesuitengeneral seit der Gründung durch Ignatius von Loyola als Hauptaufgabe seines Ordens. Die jeweiligen Herausforderungen seien dabei freilich geschichtlichen Veränderungen unterworfen: Aktuell befinde sich die Menschheit in einer medialen Revolution durch die weite Verbreitung digitaler Medien. In der modernen Informationsflut sei die Suche nach der Wahrheit schwierig geworden, meinte P. Adolfo Nicolas.
Zugleich ergäben sich durch das Internet auch neue Chancen. Kürzlich habe er z.B. ein Camp des Jesuiten-Flüchtlingsdienstes (Jesuit Refugee Service, RFS) im afrikanischen Malawi besucht, wo junge Flüchtlinge online studierten. Auch er selbst nütze das Internet und belege an der Harvard Unitversity Online-Kurse über Themen wie Gerechtigkeit und Globalisierung.
Der oberste Jesuit, der mehr als die Hälfte seines Lebens als Theologielehrender in Japan verbrachte, verglich die gegenwärtige Krise des Glaubens in Europa mit dem babylonischen Exil des Volkes Israel. Auch dieses habe einen Glaubensverlust mit sich gebracht, auch die Mahnungen der Propheten seien verstummt. Aber: Es habe sich eine neue Weisheitsliteratur herausgebildet, die jetzt die jüngsten Bücher des Alten Testaments bilden. Nach den Worten von P. Adolfo Nicolas müsse die Kirche auch heute eine "neue Sprache lernen, um die Herzen der Menschen zu berühren".
Missbrauchsskandal beendet Klerikalismus
Der Jesuitenorden überlasse den einzelnen Provinzen viel Eigenverantwortung bei der Bewältigung anstehender Herausforderungen. Beim Umgang mit sexuellem Missbrauch etwa gebe es keine zentrale "Superbehörde", lediglich Richtlinien wie das Ernstnehmen von Vorwürfen, deren faire Prüfung, Opferschutz und Prävention. P. Adolfo Nicolas gestand, dass die in den letzten Jahren bekanntgewordenen Fälle so "unglaublich schlimm" gewesen seien, dass das Akzeptieren anfangs schwergefallen sei. Jetzt aber würden klare Konsequenzen gezogen.
Einen positiven Nebeneffekt hätten die Missbrauchsskandale freilich gehabt, so der Jesuitengeneral: Er habe das Ende eines Klerikalismus und kirchlichen Triumphalismus gebracht und das Wort "Wir sind alle Sünder" jeder Phrasenhaftigkeit entkleidet.
Regionale Eigenverantwortung empfiehlt sich laut P. Adolfo Nicolas auch angesichts der großen kulturellen Unterschiede, die kirchlicherseits ernst zu nehmen seien. Er selbst habe sich nach seiner Rückkehr aus Asien in Europa sehr fremd gefühlt. Als er in Athen zu einer Zwischenlandung aus dem Flugzeug stieg, sei er ungewollt an einem Einheimischen angestoßen und habe vom Betreffenden einen erschreckend bösen Blick eingefangen. "So etwas wäre in Asien undenkbar", meinte der Jesuit. In Europa dagegen sei direkte Konfrontation üblich, "da werden Augen zu Pfeilen".
Differenzierte Lage in Ostasien
Demgemäß sollten sich Europäer zurückhalten, wenn es um Urteile über fernöstliche Gegebenheiten gehe. Diagnosen über die Lage in China z.b. seien oft realitätsfern und "völlig in den Wolken angesiedelt", so P. Adolfo Nicolas. Der Asienkenner bezeichnete die Lage für Christen in China als überaus schwierig, Katholiken fragten sich angesichts der feindlichen Haltung der Regierung, wie sie überhaupt ihren Glauben leben könnten.
In Japan seien die Christen trotz zuletzt steigender Zahl eine kleine Minderheit von weniger als ein Prozent, während sich "insgesamt 120 Prozent" der Japaner als dem Shintoismus und dem Buddhismus zugehörig fühlten. Dass im Unterschied dazu in Südkorea das Christentum eine fixe Größe darstelle, führte P. Adolfo Nicolas darauf zurück, dass es sich mit dem ursprünglichen Schamanismus des Landes ähnlich gut ergänze wie der japanische Buddhismus mit dem dort angestammten Shintoismus. Zuletzt habe der Buddhismus allerdings auch in Südkorea mehr Zulauf als das Christentum.
Auf die Nachwuchsprobleme der Jesuiten trotz der Tatsache, dass der Orden mit rund 18.000 Mitgliedern immer noch der zahlenstärkste der katholischern Kirche ist, blickt der Generalobere mit Optimismus. Die "Talsohle" sei erreicht und werde bald überwunden sein, denn zum einen habe die Kirche in Ländern wie Indien, Vietnam, auf den Philippinen oder in Afrika viel Zulauf, zum anderen wolle im Westen eine zunehmende Zahl junger Menschen etwas Sinnvolles mit ihrem Leben anfangen. Sie seien ansprechbar für die vom Jesuitenorden angestrebte Humanisierung und die Überzeugung, dass religiöses Leben und Mitgefühl für das Schicksal anderer Hand in Hand gehen müssen.
Die seit 450 Jahren bestehende österreichische Jesuitenprovinz bezeichnete P. Adolfo Nicolas als eine zwar kleine, aber "kreative und dynamische" im Ensemble der weltweiten Provinzen der Gesellschaft Jesu.