
Türkei: "Christen in Sorge"
Die jüngsten Ausschreitungen in der Türkei seien ein "Alarmsignal" und die türkische Regierung sollte dies beachten, wenn sie die während der vergangenen zehn Jahre erreichte und durch das Wirtschaftwachstum begünstigte Stabilität schützen will. Dies betonte der Apostolische Vikar in Istanbul, Bischof Louis Pelatre, im Gespräch mit der vatikanischen Nachrichtenagentur "Fides". In der Politik sei es immer weise, "wenn man nach Kompromissen sucht, damit die Interessen der verschiedenen Sektoren der Gesellschaft miteinander vereinbart werden können". Generell könne man sagen, dass die Christen als heute sehr klein gewordene Minderheit sich nicht an den Demonstrationen beteiligen, "aber sie beobachten die Entwicklung mit Sorge".
Bischof Pelatre wies darauf hin, dass sich die christlichen Gemeinden nicht direkt an den politischen Konflikten beteiligen, die von den Protesten gegen den geplanten Bau eines Einkaufszentrums auf dem Taksim-Platz ausgelöst wurden. Nach Ansicht der Demonstranten nutze die Regierung ihre Mehrheit aus, um einen autoritären Islamisierungsplan durchzusetzen. In diesem Sinn, so der Bischof, "könnten die Proteste dazu führen, dass die Regierung ihre Strategien neu überdenkt. Recep T. Erdogan gewährte bisher islamistischen Gruppen großen Spielraum", doch auch in seiner eigenen Partei gebe es andere Bestrebungen. Es bleibe zu hoffen, dass die Ereignisse dieser Tage bei allen einen "Geist der Mäßigung hervorrufen", so der Bischof.
Er ist jedoch davon überzeugt, dass die Türkei sich nicht von den Konflikten im Nahen Osten anstecken lässt, zu denen es im Zusammenhang mit dem "Arabischen Frühling" kam: "Der Kontext und die Hintergründe sind hier sehr unterschiedlich", so der Apostolische Vikar von Istanbul.
Die Umbaupläne für den Taksim-Platz haben auch einen konfessionellen Aspekt. Nach den Plänen Erdogans soll im Zug der Umgestaltung des Taksim-Platzes auch eine Moschee errichtet werden - direkt gegenüber der orthodoxen Hagia Triada (Dreifaltigkeitskirche); sie war die erste orthodoxe Kirche in Istanbul seit der osmanischen Eroberung. Der Bau der Moschee hätte den Abriss mehrerer Gebäude auf einem Grundstück einer orthodoxen Krankenhaus-Stiftung zur Voraussetzung. Erdogan bezeichnete den geplanten Bau einer Moschee gegenüber der Hagia Triada als "Symbol des interreligiösen Dialogs".
Unweit des Taksim-Platzes steht an der zentralen Geschäftsstraße Istiklal Caddesi auch die katholische Antoniuskirche. "Fides" zitiert den dort tätigen Franziskanerpater Adrian Baciu mit den Worten, dass viele jugendliche Demonstranten in die Kirche kommen, "aber ohne Fahnen oder Spruchbänder". Sie kämen "als Besucher" und verhielten sich still. Er hoffe, dass alles "friedlich zu Ende geht", so P. Baciu.