
Kirche Kroatiens steht Projekt Europa ambivalent gegenüber
Die kroatische Kirche begrüßt zwar den mit Montag vollzogenen EU-Beitritt des Landes als 28. Mitgliedsstaat, steht dem Projekt Europa aber in vielen gesellschaftspolitischen Fragen zugleich skeptisch gegenüber. Diese Ambivalenz gegenüber der Europäischen Union kennzeichne aber auch die allgemeine Stimmung in der kroatischen Bevölkerung, so die Einschätzung des in Wien lehrenden und aus Kroatien stammenden Europaexperten Alojz Ivanisevic gegenüber "Radio Vatikan" (Montag). Neben der Ernüchterung angesichts der Wirtschaftskrise sei es vor allem die in der EU dominierende Geistesströmung der Moderne, die auf wenig Gegenliebe stoße.
Als positives Signal für ganz Europa wertete in "Radio Vatikan" die Kommission der Bischofskonferenzen der Europäischen Gemeinschaft (ComECE) den EU-Beitritt Kroatiens. Der Beitritt Kroatiens und die damit zum Ausdruck kommende Anerkennung durch die Europäische Union "erhöht ein wenig das Selbstbewusstsein des Landes", so ComECE-Generalsekretär P. Patrick Daly im weltkirchlichen Sender. Er hoffe, dass der EU-Beitritt die Versöhnungsarbeit am Balkan, wo die Wunden der Kriegsvergangenheit immer noch spürbar seien, befördern werde.
Auch wenn die Aufnahme Kroatiens in die EU-Familie den "anderen Beitrittskandidaten Hoffnung machen" kann, dämpft Daly die Erwartungen Serbiens: Bis zu dessen Beitritt könne noch viel Zeit vergehen, so die Einschätzung des kirchlichen Experten. Er plädierte für Besonnenheit und Verlangsamung der EU-Erweiterung angesichts der Wirtschaftskrise, die "große Auswirkungen auf sozialer Ebene hat".
Dass von Euphorie wenig zu spüren sei, bestätigte auch der Historiker und Europaexperte Ivanisevic: Die Mehrheit der Kroaten würde dem EU-Beitritt nüchtern gegenüberstehen, die Stimmung "ist so, dass die Wirtschaft im Vordergrund steht, weil es so viele Arbeitslose gibt, etwa unter Jugendlichen". Hierin würden die Kroaten die wirklichen Probleme sehen. Dennoch würden nach wie vor zwischen 42 bis 45 Prozent der Bevölkerung den EU-Beitritt eher positiv als negativ sehen.
Als ambivalent charakterisiert der gebürtige Kroate auch die Haltung der katholischen Kirche Kroatiens: Zwar bekenne sich die Ortskirche zu einem christlichen Europa und befürworte den EU-Beitritt, "aber sie opponiert sehr stark gegen das, was heute in Europa geschieht oder was heutige europäische Werte sind". Die Kirche Kroatiens stehe, so der Historiker der Universität Wien, dem Projekt einer europäischen Moderne ablehnend gegenüber, weil sie darin ein "entchristliches Europa" sieht: "Mit dieser pluralistischen, säkularen Gesellschaft kann die heutige Kirchenführung in Kroatien wenig anfangen", analysierte Ivanisevic.
Mit modernen Entwicklungen "wenig anfangen zu können", sei ein allgemeines Problem der kroatischen Bevölkerung, "die sich zu wenig die Gegenwart vor Augen hält", sagte der Europaexperte. Korruption, schwache Wirtschaftsstrukturen und eine starke Polarisierung der Gesellschaft, in der sich auch nationalistische Kräfte gegen den europäischen Weg stellten, seien große Probleme.