
Kirche "beseelt" Zivilgesellschaft oft unbemerkt
Die tragende Rolle der Kirche für die Zivilgesellschaft hat der Grazer Diözesanbischof Egon Kapellari anlässlich des moraltheologischen Fachkongresses "Empirie und Ethik" in Graz herausgehoben. "Auch heute kann und soll es daher ein gutes, nicht arrogantes christliches und auch spezifisch katholisches Selbstbewusstsein geben." Gerade Theologie Lehrende und Studierende könnten dazu beitragen, indem sie im öffentlichen Diskurs sachkompetent mitreden, wenn es um das Christentum und die Kirche gehe, so Kapellari in einem Vortrag am Montag.
Die Kirche ringe heute um ein Gleichgewicht zwischen "Einheit und Vielfalt, zwischen Breite und Tiefe, zwischen Tradition und neuen Herausforderungen, zwischen sozial-politischem Engagement und mystischer Versenkung in Gott".
In ihrem Bemühen mache sie Fehler und begehe Sünden, habe zugleich aber "riesige Ressourcen an Mitmenschlichkeit, Barmherzigkeit und Heiligkeit", betonte Kapellari. Mit diesen Ressourcen "beseelt" sie die Zivilgesellschaft in einem "großen, freilich oft nicht bekanntem und nicht bedanktem" Ausmaß.
Jugendsexualität und Moraltheologie
Der Kongress findet heuer zum 36. Mal statt und geht noch bis 11. September der Frage auf den Grund, welche Rolle die Empirie bei der Bildung ethischer Normen spielt. Am Dienstag beleuchteten der Brixner Theologe Martin Lintner, Autor des vieldiskutierten Buches "Den Eros entgiften - Plädoyer für eine tragfähige Sexualmoral und Beziehungsethik", und der Mainzer Theologe Stephan Goertz das Verhältnis von Jugendsexualität und Moral genauer.
Sowohl Goertz als auch Lintner kamen zu dem Schluss, dass es trotz einer Diskrepanz zwischen Praxis und kirchlicher Lehre im Bereich der Sexualmoral nicht "so schlimm, wie oft angenommen um die Jugendsexualität" stehe. Die Empirie lehre vielmehr, dass die Befürchtungen, Jugendliche seien immer früher sexuell aktiv oder sexuell verwahrlost nicht zutreffen würden. Auch der oft kolportierte Anstieg an nicht-gewollten Schwangerschaften im Teenager-Alter stimme nicht mit der Realität überein.
Selbstbestimmtes Sexualverhalten und sexuelle Aufklärung würden bei Jugendlichen vielmehr früher zu verantwortungsbewussterem Verhütungsverhalten führen, zitierte Lintner den Sexualforscher Gunter Schmidt. Diese Eigenverantwortung im Umgang mit der eigenen Sexualität schärfe außerdem die Sensibilität für Grenzverletzungen und Übergriffe. Generell gelte, dass Jugendliche vor Gefährdungen wenig effizient durch Ge- oder Verbote, als vielmehr durch "das Heranreifen zu selbstverantwortlichen Personen geschützt werden können".
Für die katholische Sexualmoral ergeben sich für Lintner daraus folgende Herausforderungen: Die Deutung der eigenen sexuellen Erfahrungen müssen von der Moraltheologie ernst genommen werden. Natürlich seien diese Selbsturteile noch einmal kritisch zu hinterfragen. Die Reflexion über die eigene Erfahrung müsse dennoch als Quelle der sittlichen Erkenntnis bedacht werden.
Daraus folgend habe die Moraltheologie die "unterschiedlichsten Sinngehalte" der Sexualität ernst zu nehmen. Zu diskutieren sei ebenso die nach katholischer Lehre exklusive Verbindung von ausgeübter Sexualität und Ehe.
Quelle: Kathpress