Lampedusa: Aufschrei gegen politische Ignoranz
Breite Unterstützung findet derzeit ein Offener Brief, den das kirchliche Grazer Kulturzentrum bei den Minoriten nach der Flüchtlingstragödie von Lampedusa lanciert hat. Zentrumsleiter Johannes Rauchenberger und der Grazer Minderheitenpolitiker Michael Petrowitsch wandten sich darin mit dem Appell "Macht den Mund auf, Verantwortliche!" an österreichische und EU-Politiker, wirksame Maßnahmen gegen das anhaltende Massensterben von Flüchtlingen im Mittelmeer zu setzen. Die jüngste Schiffstragödie vor Lampedusa hat nach Berichten vom Mittwoch die Horrormarke von 300 Toten überschritten.
"Wir fordern die österreichischen Entscheidungsträger auf, auf EU-Ebene aktiv zu werden", heißt es in dem am Offenen Brief. "Wir fordern jene auf, die gewählt wurden, den Mund aufzumachen. Wir fordern die Nationalstaaten der EU auf, das Flüchtlingsgesetz der EU aufzuschnüren: Nicht nur die Randländer der EU sind für die anschwemmenden Flüchtlinge verantwortlich, sondern wir alle - auch Österreich, auch Deutschland!"
Diesem Aufruf, entstanden nach dem von vielen als unangemessen empfundenen Auftritt von Innenministerin Johanna Mikl-Leitner in der ZiB 2 am Dienstagabend, haben sich bis Donnerstagmittag zahlreiche Vertreter von Wissenschaft, Kultur, Medien und Kirche angeschlossen. So etwa der Völkerrechtler und Vorsitzende des Menschenrechtsbeirates der Stadt Graz, Wolfgang Benedek, der den öffentlichen Aufschrei als notwendig bezeichnete, "will Europa nicht nur seine Werte bewahren, sondern auch sein Gewissen". Ähnlich die Kommentare des Grazer Philosophen Peter Strasser, des Komponisten Gerd Kühr, der grünen Stadträtin Lisa Rücker sowie der Grazer Theologen Rainer Bucher, Wolfgang Weirer, Philipp Harnoncourt, Otto König und der Wiener Pastoraltheologin Regina Polak.
Zustimmung äußerten auch weitere Kirchenvertreter: Heinz Hödl, Geschäftsführer der Koordinierungsstelle der Österreichischen Bischofskonferenz für Entwicklung und Mission ("zugleich Schande und Skandal für Europa"), Harald Schmied, Sprecher der steirischen Caritas, Hochschulseelsorger Alois Kölbl, Erich Hohl, Generalsekretär der Katholischen Aktion der Diözese Graz-Seckau, Hans Putzer, Leiter des Bildungshauses Mariatrost, und Harald Baloch, langjähriger Bischofsberater für Wissenschaft und Kultur.
Der Pfarrer der Grazer Stadtpfarre St. Andrä, Hermann Glettler, schrieb von einem "Krieg an der EU-Außengrenze", der bereits im Advent 2011 Thema eines politischen Abendgebetes in der Andräkirche gewesen sei: "Mir scheint, dass wir ein solches wiederholen sollten..."
Das Kulturzentrum bei den Minoriten fordert auf seiner Website auch dazu auf, die bereits von 22.000 Menschen sowie von NGOs wie Caritas und Diakonie unterstützte Online-Petition für eine menschliche Flüchtlingspolitik bis spätestens 15. Oktober zu unterzeichnen. (Infos: www.kultum.at und http://gegen-unmenschlichkeit.at)
Quelle: Kathpress