
Dramatische Veränderungen-eine Chance
Die "dramatischen Veränderungen" in Kirche und Gesellschaft müssen als Chance gesehen werden, die Menschen neu für den Glauben zu gewinnen. Das könne freilich nur gelingen, wenn Laien und Priester gemeinsam wirken. Mit diesem Appell hat sich Kardinal Christoph Schönborn am Freitagnachmittag an die Delegierten der Vierten Wiener Diözesanversammlung im Stephansdom gewandt. Es brauche eine neue gemeinsame Freude am Christ-sein, so Schönborn: "In dem Maß, in dem unsere Gemeinschaft im gemeinsamen Christ-sein wächst, werden sich auch die meisten Strukturfragen lösen." Die verbleibenden praktischen Details seien dann auch keine unlösbaren Stolpersteine.
Er wünsche sich von der Versammlung neue Impulse für Pfarrgemeinden, Orden und die vielen weiteren kirchlichen Einrichtungen, sagte der Kardinal.
Schönborn unterstrich das "Gemeinsame Priestertum aller Getauften", das freilich dem geweihten Priestertum mit seinen besonderen Aufgaben und Diensten nichts wegnehme. Ausdrücklich dankte der Wiener Erzbischof den Priestern für ihren Dienst an Kirche und Menschen.
Letztlich gebe es keinen Priestermangel in der Kirche sondern einen Christenmangel, und dieser sei dramatisch, so Schönborn.
Der Kardinal sprach einmal mehr auch von einer "dramatischen Zeitenwende", nicht nur in der Kirche, sondern gesamtgesellschaftlich: "Das gesamte Weltwirtschaftssystem steht da wie ein Kartenhaus, das jederzeit zusammenbrechen kann."
Anhand der Zahlen der Stadt Wien machte Schönborn deutlich, dass es unbedingt eine Reform der kirchlichen Strukturen brauche, auch wenn die Strukturfragen nicht an erster Stelle im Erneuerungsprozess stehen. So gebe es in Wien 172 Pfarren und damit deutlich mehr als etwa vor 75 Jahren, "aber nur mehr halb so viele Katholiken". Hätten früher noch 50 bis 60 Prozent der Katholiken ihren Glauben aktiv praktiziert, seien es jetzt vielleicht noch fünf Prozent. Und das Fehlen der Jugend in der Kirche habe letztlich auch mit der demografischen Entwicklung zu tun.
Es sei sinnlos, sich eine Volkskirche wie vor 60 Jahren zurückzuwünschen. Diese Zustände werde es nie mehr geben, zeigte sich der Kardinal überzeugt. Aber: "Der Herr lädt uns ein, die Veränderungen als eine Chance für sein Wirken zu sehen."
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