
"Sterben war-Glückserfahrung"
"Es gibt ein Leben nach dem Tod": Seit einer eigenen Nahtoderfahrung im März 2010 ist der Tübinger Theologe Albert Biesinger fest davon überzeugt. Wie dieses Weiterleben genau aussieht, könne vom menschlichen Verstand jedoch nicht völlig erfasst werden. "Ich bin mehr als mein Körper, und dieses Mehr ist mit verschiedenen Begriffen zu umschreiben. Und jeder dieser Begriffe hat seine Grenzen", so der an der Universität Tübingen wirkende Professor für Religionspädagogik in der aktuellen Ausgabe der Zeitschrift "Erwachsenenbildung".
Der Glaube an die "leibliche" Auferstehung sei das "Goldstück des Christentums". Mit leiblicher Auferstehung sei aber nicht nur die körperliche Auferweckung gemeint, sondern das Weiterleben all dessen, "was wir in unserem Leben geistig erlebt haben" - für die einen im Himmel, für die anderen in der Hölle, so Biesinger.
Die geographische Verortung von Himmel und Hölle gelte mittlerweile als theologisch überholt, da die Begriffe vielmehr Bewusstseinszustände umschreiben würden. Mit "Himmel" sei die "heilende und erlösende Gotteskommunikation außerhalb von Raum und Zeit" gemeint, mit Hölle "die absolute und endgültige Gottesferne, in die Menschen sich selbst hineinmanövrieren, indem sie sich bis zum Ende ihres Lebens von Gott abwenden und sich gegen Gott auflehnen".
Gespeist würden die Vorstellungen über Himmel und Hölle von "Erfahrungen der Menschen über Generationen hinweg". Biesinger: "Der Gottesglaube fällt ja nicht vom Himmel, sondern hat immer auch Anhaltspunkte in konkreten Alltagserfahrung." Das bedeute, dass Gott sich in solchen Prozessen präzise offenbare und den Menschen von innen heraus leite.
Ein "Recht" auf den Himmel gebe es nicht, grundsätzlich "will Gott aber alle Menschen" retten. Was mit Menschen passiere, die Gott auch bis in den Tod hinein ablehnen, könne er sich nicht vorstellen. "Darüber komme ich dann doch an die Grenzen des Denkens. Und ich muss darüber auch keine Aussage machen. Gott ist Gott - und ich bin ein Mensch", so Biesinger.
Nahtoderfahrung war Glückserfahrung
Mit seiner Nahtoderlebnis im März 2010, die er als Glückserfahrung beschreibt, sei eine "riesige Veränderung" einhergegangen: "Ich habe keine Angst mehr vor dem Sterben und bin gottesbewusster geworden. Oft fühle ich Gott auch emotional ganz nahe bei mir." Und über manches, mit dem sich Menschen "hier auf Erden beschäftigen", könne er sich "nicht mehr aufregen". Während einer Routineoperation war es vor drei Jahren zu Komplikationen gekommen und die Ärzte legten den Theologen elf Tage lang in ein künstliches Koma.
Das Erlebnis beschreibt der Theologe folgendermaßen: "Ich saß - obwohl ich nachweislich dauernd mit vielen Versorgungsschläuchen im Intensivbett lag und behandelt wurde - auf einem Stuhl, total erschöpft. Ich dachte, ich kann nicht mehr, atmete schwer, und wurde immer erschöpfter, verschwitzt." Gekommen sei dann "ein so großes Glück, wie es dieses auf dieser Welt nicht gibt". Zurückgeholt habe ihn schließlich der Gedanke an seine Frau. "Schade um deine Frau", habe ihm damals eine Stimme gesagt.
Mit vielen Sterbenden habe er seither über seine Erfahrung gesprochen und "alleine schon dies führt oft dazu, dass die Augen weit werden und manchmal auch ein letztes Lächeln auf die Lippen kommt". Überhaupt erlebe er öfter, dass Menschen im Prozess des Sterbens und kurz danach lächeln. Die Frage, wie und wann sich Menschen auf den Tod vorbereiten sollen, beantwortet Biesinger mit "jeden Abend vor dem Einschlafen".
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