
Worüber die Bischöfe beraten haben...
Im wahrsten Sinne des Wortes über den Dächern Wiens empfing Kardinal Christoph Schönborn am Freitag, 8. November, die Journalisten zur traditionellen Pressekonferenz nach den Beratungen der österreichischen Bischöfe. Denn der ausgewählte Ort - das Kirchenmusikkonservatorium der Erzdiözese Wien - bot nicht nur einen überwältigenden Ausblick über den gesamten Stephansplatz, quasi auf Augenhöhe mit dem Haas-Haus, sondern zugleich auch den passenden Rahmen zur musikalisch unterstützten Präsentation des neuen "Gotteslob".
» Presseerklärungen der Bischofskonferenz im Wortlaut
Dabei ging dieser musikalische Genuß und die Frage der Einführung des neuen Gesang- und Gebetbuches in Österreich im Trubel der tagesaktuellen Fragen und Entwicklungen nahezu unter. Schließlich wurden die Bischöfe bei ihrer Herbstvollversammlung, die heuer vom 4. bis 7. November im Salzburger Stift Michaelbeuern stattfand, nahezu überrumpelt - sei es durch die Annahme des Rücktrittsgesuchs des Salzburger Erzbischofs Alois Kothgasser durch Papst Franziskus, sei es durch die Veröffentlichung eines Fragebogens, mit dem der Vatikan in denkbar kurzer Zeit - nämlich bis Jänner - die Einstellung der Menschen zu Familienfragen erheben will. Ganz zu schweigen von der aus Deutschland auch nach Österreich übergreifenden "Limburg-Diskussion", die - ausgehend vom skandalumwitterten Limburger Bischof Franz-Peter Tebartz-van Elst - nach Reichtum und Armut der Kirche fragt.
Im Mittelpunkt des Interesses stand zweifellos die Frage nach dem Fragebogen zu Familienthemen. Wer ist aufgerufen, sein Votum abzugeben? Wer sammelt konkret die Antworten?
So hatte Kardinal Schönborn nicht weniger als sechs Punkte der offiziellen Presseunterlagen zu erläutern. Zu beginn würdigte Schönborn das Wirken Kothgassers in der Erzdiözese Salzburg und hob einzelne Initiativen wie etwa die großen Pfingsttreffen oder die missionarische Initiative "Offener Himmel" hervor. Im Mittelpunkt auch des Interesses der Journalisten stand zweifellos die Frage nach dem Fragebogen zu Familienthemen. Wie wird dieser Fragebogen an die Basis weitergegeben? Wer ist überhaupt aufgerufen, sein Votum abzugeben? Wer sammelt konkret die Antworten?
» Schönborn zum vatikanischen Fragebogen
Erhoben werden sollen die insgesamt 39 Fragen "möglichst breit" vor allem auf Ebene der Diözesen, so Schönborn. Pfarren, Dekanate und andere kirchliche Einrichtungen seien dazu ebenso eingeladen wie Einzelpersonen, um so zu einem "möglichst klaren und umfassenden Bild" zu gelangen. Darüber hinaus würden kirchliche Fachstellen, Organisationen und Bewegungen aus den Bereichen Familie, Evangelisierung und Laienapostolat gezielt angefragt. Ein Sprechverbot bzw. eine Filterung werde es nicht geben, kündigte der Kardinal an: alle Antworten würden im Zuge des Ad-limina-Besuchs der Bischöfe vom 27. bis 31. Jänner 2014 dokumentiert nach Rom weitergereicht werden.
Daneben wurde von den Bischöfen auch der Ausgang der jüngsten Nationalratswahlen in Österreich erörtert und zugleich an eine künftige Bundesregierung appelliert, die Frage der Generationengerechtigkeit ernst zu nehmen. Eine Schuldenspirale gefährde das soziale Gefüge und die Solidarität im Land und bürde kommenden Generationen untragbare Lasten auf.
In Sachen Effektivität der EZA kann sich der Staat letztlich bei der Kirche etwas abschauen, so Schönborn mit Blick auf die kirchlich finanzierten Projekte in Drittweltstaaten.
Gerechtigkeit gelte es aber auch den Ärmsten der Armen in den Entwicklungsländern gegenüber zu zeigen. Daher fordere die Bischofskonferenz einmal mehr die künftige Regierung auf, das Budget für die Entwicklungszusammenarbeit deutlich zu erhöhen - konkret in einem ersten Schritt auf 100 Millionen Euro, gefolgt von einem Stufenplan, die EZA-Mittel langfristig nicht nur gesetzlich zu verankern, sondern auch auf das Niveau der in den Millenniumszielen formulierten 0,7 Prozent des BIP zu heben. In Sachen Effektivität der EZA könne sich der Staat letztlich bei der Kirche etwas abschauen, so Schönborn mit Blick auf die vielen kirchlich finanzierten Projekte in Drittweltstaaten.
Deutlich forderten die Bischöfe auch eine verfassungsrechtliche Verankerung des Verbots der Sterbehilfe. Und dies um so eindringlicher, als man Tendenzen beobachte, so Schönborn, "die das bestehende Verbot der aktiven Sterbehilfe in Frage stellen". Handfest politisch schließlich auch der Aufruf der Bischöfe im Blick auf Syrien: So appellieren sie vor allem an die Entführer der beiden Metropoliten Mar Gregorios Youhanna Ibrahim und Boulos Yazigi, diese sofort freizulassen. Österreichs Christen wüssten sich dabei auch eins mit Persönlichkeiten aus dem islamischen Bereich und Menschen guten Willens, die keiner Konfession angehörten.
Wir sehen heute klar, dass auch die Kirche durch Akzente ihre Verkündigung im Sinn einer Verachtung des Judentums mitverantwortlich für jenes Klima war, in dem sich der nationalsozialistische Antisemitismus ausbreiten konnte.
Aus Anlass des 75. Jahrestages der Novemberpogrome von 1938 bekannten die Bischöfe schließlich die Mitverantwortung der Kirche und unterstrichen zugleich die seither gewachsene, tragfähige Freundschaft betonten. "Wir sehen heute klar, dass auch die Kirche durch Akzente ihre Verkündigung im Sinn einer Verachtung des Judentums mitverantwortlich für jenes Klima war, in dem sich der nationalsozialistische Antisemitismus ausbreiten konnte", heißt es in einem bei der Herbsttagung der Bischofskonferenz beschlossenen Text.
1938 habe die Kirche in Österreich nicht erkannt, dass sich ihr christlicher Glaube aus jüdischen Wurzeln nährt. Und dies, obwohl die Kirche beim Sturm auf das Erzbischöfliche Palais in Wien kurz vor dem Pogrom selbst Ziel des Naziterrors geworden sei. "Die Kirche hat auch in ihrer damaligen Theologie versagt", weil sie den "ungekündigten Bund" Gottes mit dem Volk Israel ignorierte. "Und sie hat in der Liebe versagt, denn es waren unsere Nächsten, die unschuldig Opfer des gewalttätigen Antisemitismus wurden", so die Bischöfe weiter. Einzelne Christinnen und Christen hätten die Not zwar gesehen und unter großer Gefahr geholfen und gemahnt. "Aber es waren viel zu wenige."
Einen musikalischen, der Örtlichkeit der Pressekonferenz angemessenen Akzent setzte schließlich ein Chor unter der Leitung von Konstantin Reymaier an der Orgel mit einigen Beispielen aus dem neuen "Gotteslob". Dieses werde wie geplant ab dem 1. Advent in den österreichischen Diözesen Stück für Stück eingeführt, so Schönborn. Trotz der vor allem die deutschen Diözesen betreffenden Verzögerungen durch Druckprobleme könne der Termin für die Auslieferung der rund 530.000 Exemplare nach Österreich eingehalten werden. Nur in den Diözesen Eisenstadt, Gurk und Wien habe man sich für einen etwas späteren Einführungstermin entschieden.
Das neue "Gotteslob", über das man sich auch auf der eigens eingerichteten Website www.gotteslob.at informieren kann, werde den Gläubigen eine neue Form der Teilhabe an Liturgie und kirchlichem Leben ermöglichen. Es sei neben dem Gebrauch im Gottesdienst auch für "häusliche Feiern" und das "persönliche Gebet" gedacht. Gegliedert ist das "Gotteslob NEU" in einen Stammteil und in einen separaten Österreichteil: "Der Österreichteil enthält jene regionalen Besonderheiten, welche für die Feier der Liturgie zwischen Neusiedlersee und Bodensee bedeutsam und die Ausdruck der spirituellen wie kulturellen Identität unseres Landes sind", so Kardinal Schönborn.
Quelle: Henning Klingen / Kathpress