
Novemberpogrome 1938: Ökumenisches Gedenken
Der 75. Jahrestag der Reichspogromnacht bzw. die nachfolgende Schoah geben laut dem Innsbrucker Bischof Manfred Scheuer Anlass für kritische Fragen: Die Theodizée-Frage, warum Gott so etwas zugelassen hat - "Wo warst Du, Gott, als Frauen und Kinder, alte und junge Leute ermordet und in die Todeskammern geschickt wurden?" - gehe Hand in Hand mit der Rückfrage an den Menschen selbst. Wie Scheuer im Rahmen einer Gedenkveranstaltung in Innsbruck sagte, stehe man heute in großer Betroffenheit vor der Frage, "was war in der Geschichte unseres Landes, in den Köpfen und Herzen der Menschen unseres Landes, dass solche Ausgeburten des Bösen geschehen konnten?" Und weiter: "Wo war der Mensch - und wo die Menschlichkeit -, als unseren Brüdern und Schwestern so Furchtbares zugefügt wurde?"
Der Innsbrucker Bischof zitierte den jüdischen Religionsphilosophen Abraham J. Heschel, der Gottes "Adam, wo bist du?" und die zahlreichen Varianten davon als die Urfrage von Religion bezeichnete. Dieser Ruf ergehe immer wieder an den Menschen, etwa, wenn Gott den Kain fragt: "Wo ist dein Bruder Abel?" Dessen Antwort "Bin ich denn der Hüter meines Bruders?" hält Scheuer entgegen: "Die Botschaft der jüdischen und der christlichen Bibel mutet uns zu, dass wir einander aufgetragen sind, füreinander sorgen, Verantwortung tragen ... Die Bibel traut uns zu, dass wir Freunde und Anwälte des Lebens sind, dass wir Lebensräume schaffen, in denen in die Enge getriebene Menschen Ja zum Leben sagen können."
Bischof Scheuer zitierte in seiner Wortmeldung zur Pogromnacht auch die diesbezügliche jüngste Erklärung des Ökumenischen Rates der Kirchen in Österreich. Darin wird die gemeinsame Trauer der Kirchen mit den jüdischen Gemeinden unterstrichen sowie das gemeinsame Bekenntnis zum Gott Israels. Zudem bekunden die Kirchen Wachsamkeit "gegenüber jeglicher Form von Politik, die auf Abwertung und Ausgrenzung von Minderheiten setzt. Insbesondere sind wir hellhörig im Hinblick auf jede Form des Antisemitismus und werden ihr entschieden entgegen treten."
Ökumenisches Gedenken in Ruprechtskirche
Die Mitverantwortung der christlichen Kirchen an den Novemberpogromen von 1938 und in weiterer Folge an der gesamten Schoah stand am Samstag im Mittelpunkt von Gedenkreden des evangelisch-lutherischen Bischofs Michael Bünker und der Präsidentin der Vereinigung der Frauenorden Österreichs, Sr. Beatrix Mayrhofer. Beide äußerten sich bei einem ökumenischen Gedenkgottesdienst in der Wiener Ruprechtskirche, der zugleich den Höhepunkt der "Mechaye Hametim - Der die Toten auferweckt"-Gedenkwoche bildete.
Auch Kardinal Christoph Schönborn unterstrich in einer durch den Rektor der Ruprechtskirche, P. Gernot Wisser SJ, verlesenen Botschaft die unleugbare Schuld der Kirche. Obwohl es einzelne Christen gegeben habe, die nach dem Gebot der Nächstenliebe handelten, müsse die Kirche in ihrer Gesamtheit ihre Schuld gegenüber der Juden, aber auch gegenüber den konvertierten "Nichtariern" klar bekennen. Außerdem habe die Kirche mit einer von Antijudaismus geprägten Theologie dem nationalsozialistischen Rassenwahn einen idealen Nährboden bereitet, so Schönborn.
Die Kirchen hätten während der NS-Herrschaft nie die richtigen Worte des Protests gefunden, so Bischof Bünker in seiner Gedenkansprache. Das Versagen seiner eigenen Kirche erfülle ihn persönlich mit tiefer Scham. Weiters appellierte Bünker, niemals aufzuhören, an das Leid der Vergangenheit zu erinnern. Obwohl die Ereignisse des Jahres 1938 für viele keine persönliche Relevanz mehr hätten, müsse die Gesellschaft als Ganzes auch heute gegen jegliche Form von Antisemitismus einstehen. Aktuelle Fälle wie jener rund um die sogenannte "Objekt 21"-Gruppierung in Oberösterreich oder das Beschmieren von "Stolpersteinen" in Salzburg würden überdies zeigen, dass nationalsozialistisches Gedankengut in Österreich leider immer noch vorhanden sei, so der Bischof.
"Schweigen machte Christen zu Mittätern"
Frauenordenspräsidentin Mayrhofer bedauerte in ihrer Rede, dass auch die österreichischen Orden während der NS-Zeit weitestgehend geschwiegen hätten. Sie habe in vielen Chroniken über Repressionen gegenüber Mönchen und Nonnen gelesen, über die Verbrennung der Synagogen wurde allerdings geschwiegen, so Mayrhofer. Die Christen hätten sich durch ihr Schweigen zu Mittätern gemacht, da sie "den Mund nicht aufgemacht haben, wo es nötig gewesen wäre", so die Präsidentin der Frauenorden.
Im Anschluss an den Gedenkgottesdienst fand ein Schweigemarsch von der Ruprechtskirche zum nahegelegenen Judenplatz statt, wo die Teilnehmer ihre Gedenklichter aufstellten und das hebräische Volkslied "Haschiwenu" anstimmten.
Quelle: Kathpress