
Radikaler Kurswechsel gefordert
Nicht weniger als einen radikalen Kurswechsel in ihrer Verkündigungspraxis und ihrer institutionellen Struktur empfehlen führende deutsche Religionssoziologen den christlichen Kirchen. In den Kirchen dominiere heute "das Geld und das Recht", die religiöse Dimension sei den Kirchen "fast verloren gegangen", mahnte etwa der Bielefelder Soziologe Franz-Xaver Kaufmann. Kaufmann war einer der Referenten bei einem Symposion zur Zukunft der Kirchen in Münster. Das gemeinsam vom "Centrum für Religion und Moderne" (CRM) und dem Münsteraner Exzellenzcluster "Religion und Politik" ausgerichtete Symposion fand am vergangenen Wochenende aus Anlass des 70. Geburtstags des Münsteraner Religionssoziologen Karl Gabriel statt.
Wolle man seitens der Kirchen Vertrauen wiedergewinnen, brauche es eine glaubwürdige Glaubensverkündigung, so Gabriel: "Entscheidend wird sein, ob die katholische und die evangelische Kirche ihre religiöse Botschaft künftig so anbieten, dass die Menschen sie als überzeugende Lebensdeutung annehmen." Der Weg müsse dabei "von einer Kleriker- hin zur Laienkirche" führen, ergänzte der Freiburger Religionssoziologe Michael Ebertz. Derzeit erleben die Kirchen laut Ebertz bereits einen tiefgreifenden "Transformationsprozess, der einer Revolution gleichkommt".
Die Laien würden dabei künftig vor der doppelten Herausforderung stehen, innerhalb der Kirchen mehr Verantwortung zu übernehmen und außerhalb für die Botschaft einzustehen. Dazu brauche es auch neue Strukturen: "Wer die Kirchen zukunftsfähig machen will, braucht Gewaltenteilung und synodale Strukturen der Mitverantwortung und Mitwirkung im System." Lernen könne die katholische Kirche in dieser Hinsicht von der evangelischen Kirche. Auch in dieser Hinsicht müsse der ökumenische Dialog vertieft werden.
Trotz steigender Kirchenaustritte und sinkender Gottesdienstbesucherzahlen sei es aber nicht angemessen, von einem "Verfall des Christentums" zu sprechen, unterstrich Gabriel weiter. "Das religiös Christliche ist in der Gesellschaft diffus vorhanden. Es ist stärker, als wir zunächst wahrnehmen." Für das Verständnis der Gesellschaft werde man auf das Christentum nicht verzichten können. "So viele überzeugende Alternativen zum Angebot der Kirchen gibt es nicht."