
"Weihnachten ist brutale Zeit der Wahrheit"
Weihnachten ist laut dem Pastoraltheologen Paul Michael Zulehner eine "brutale Zeit der Wahrheit": Als besonders "verdichtetes Fest" und unter dem Harmoniedruck bringe es oft zum Vorschein, wie es um das Zusammenleben in einer Familie oder Beziehung stehe - durch den "Charme einer wirklich guten Beziehung oder den Schmerz an einer nicht guten". Der Aspekt des Schenkens als zentraler Bestandteil von Weihnachten mache außerdem oft seelische Wunden sichtbar, etwa durch mangelnde Fähigkeit, richtig zu schenken oder sich beschenken zu lassen, so der Wiener Theologe gegenüber der "Kleinen Zeitung" (Montag).
Schenken sei grundsätzlich "angeboren und macht den Menschen aus", legte Zulehner dar. Grundgelegt sei dies in der anfänglichen Zuwendung der Eltern, ohne die es "kein Aufblühen" gebe. Aus diesem Nehmen heraus entwickle sich schließlich die Fähigkeit und die Neigung zu geben. Weil Schenken zum Wesen des Menschen gehöre, sei mit ihm auch ein "Lustgewinn" verbunden - da es "zutiefst das realisiert, was wir sind".
Mangelnde Fähigkeit, Geschenke annehmen zu können oder zu schenken, sei deshalb oft Ausdruck schlechter Erfahrungen aus der Kindheit. "Manche bedrängt es sehr, manche haben schlechte Erfahrungen gemacht, für die war die Nähe der Mutter mehr Herrschaft oder Unterdrückung. Manche waren ausgebeutet und missbraucht", so Zulehner. Außerdem bedeute die Annahme eines Geschenkes und die ehrliche Freude darüber ein Stück Preisgabe der eigenen Person - "ein Risiko", das viele Menschen nicht gerne eingehen würden.
Und auch das mangelnde Maß beim Schenken sei oft Ausdruck seelischer Probleme. "Leute, die glauben, sie müssen besonders viel schenken, die haben eher eine Unsicherheit in der Liebe und möchten den anderen für die Liebe kaufen." Das Maß sei aber grundsätzlich der "schlechteste Ratgeber" für die Wahl eines Geschenkes - gehe es beim Schenken schließlich nicht darum, quantitativ viel zu schenken, sondern "das richtige" zu schenken. "Ein Geschenk drückt aus, ob ich den Anderen auch erkenne", bringt es Zulehner auf den Punkt.
Um Menschen wieder fähig zu machen, richtig zu schenken, sei es oft nötig, völlig auf Geschenke zu verzichten, ist Zulehner überzeugt. "Geschenkfasten" könne eine verdorbene Geschenkkultur und Geschenkpraxis heilen, weil es Raum gibt, "einander endlich wieder wahrzunehmen, miteinander zu sein, statt einander zu beschenken".
Einen besonderen Aspekt bekomme das Schenken an Weihnachten auch durch die "Anonymität" des Wohltäters in Form des Christkindes. Besonders Kinder hätten ein "Gespür" für den "heiligen Kosmos", der mit dem Christkind ins Spiel gebracht werde. Die Geschenke als Vordergründiges seien nicht die "ganze Schönheit der Welt", so Zulehner.