
"Dialogische Kirche statt absolutistische Herrschaft"
"Es ist deutlich zu spüren, dass dieser Papst eine dialogische Kirche will": Diese Einschätzung hat der Innsbrucker Dogmatikprofessor Roman Siebenrock zum neuen Lehrschreiben "Evangelii gaudium" geäußert. Diese Ausrichtung Franziskus' bedeute zugleich "ein Ende der absolutistischen Herrschaft nach dem Muster des frühen 19. Jahrhunderts", so der Theologe im Interview mit dem "Tiroler Sonntag" und anderen österreichischen Kirchenzeitungen.
Dass Franziskus dem innerkirchlichen Dialog und dem Aufeinander-Hören hohen Stellenwert beimisst, ist laut Siebenrock im Rückgriff auf eine alte Idee erkennbar, die vor 50 Jahren auch vom Zweiten Vatikanischen Konzil aufgegriffen wurde. Der damals diskutierte Vorschlag selbstständiger Patriarchate innerhalb der Weltkirche kommt bei Franziskus in Form aufgewerteter Bischofskonferenzen wieder auf den Tisch. Er fordere eine Verlagerung vieler kirchlicher Entscheidungen auf diese Ebene "und will dafür auch konkrete Strukturen schaffen", sagte Siebenrock. Zugleich plädiere der Papst für eine stärkere Einbeziehung der Laien - besonders nachdrücklich der Frauen - in kirchliche Entscheidungsprozesse.
Vor dem Hintergrund dieser Übertragung von Mitverantwortung sei er - wie der Dogmatiker sagte - "sehr gespannt auf die Vorschläge der acht Kardinäle (das von Franziskus eingesetzte Beratergremium, Anm.) und darauf, wie man mit der ersten 'Gläubigenbefragung' zu Familiensynode umgehen wird".
Papst Franziskus gehe es letztlich "nicht bloß um eine Optimierung oder Demokratisierung der Verwaltung", sondern darum, "wie die Kirche ihre Sendung bestmöglich erfüllen kann", beschrieb Siebenrock seinen Eindruck vom päpstlichen Lehrschreiben.
Dabei wird laut dem Theologen "doch sehr deutlich ein neuer Ton angeschlagen": Bei Benedikt XVI. sei die Sorge um einen Identitätsverlust der Kirche im Vordergrund gestanden; deshalb sei auf die Bewahrung der Tradition in Riten-, Glaubens- und Moralfragen größter Wert gelegt worden. Franziskus Ansatz sei dagegen: Der Anfang der Kirche und Kern aller Tradition ist die missionarische, evangelisierende Sendung." Angesichts dieser Prioritätensetzung "soll man auch etwas wagen, da kann auch etwas danebengehen", so Siebenrock; "es ist immer noch besser, als hinter dem Ofen zu sitzen".
Quelle: Kathpress