
"Beten bedeutet 'online' sein mit Gott"
Kardinal Christoph Schönborn ist ein viel beschäftigter Mann. Nicht erst seit dem letzten Konklave und den internationalen Medienspekulationen um seine Chancen auf den Stuhl Petri gilt der Ratzinger-Schüler als einer der wohl bestvernetzten Bischöfe der Weltkirche. Das Handy ist sein ständiger Begleiter und zugleich Mahner an den nächsten Termin. "Online" sein ist daher auch für den Hirten der Erzdiözese Wien, der über einen eigenen Twitter-Kanal und einen Facebook-Auftritt verfügt, eine Selbstverständlichkeit.
Bei allen Annehmlichkeiten der technischen Vernetzung werde diese aber oft zur persönlichen Belastung, weil sie Zeit und Ressourcen frisst, wie der Kardinal in einem vorweihnachtlichen Gespräch mit "Katholisch.at" verriet. Ein Segen demgegenüber sei das Online-Sein mit Gott, wie man das persönliche Gebetsleben auch beschreiben könne. "Beten hat für mich immer auch mit Kämpfen zu tun", verrät Schönborn. Schließlich müsse er sich für's Gebet Zeit erkämpfen, auch Konzentration aufbringen, "um ganz gegenwärtig zu sein". Wider die Zerstreutheit, wider die Hektik - nur dann könne das Gebet für ihn auch zu einer strukturierenden Kraft und zu einem "absoluten Lebenselixier werden", so Schönborn.
Diözesanreform: "Keine Alternative"
Zeit ist tatsächlich ein knappes Gut für den Wiener Erzbischof. So drängt derzeit in der eigenen Diözese ein Reformprozess, der dringend notwendige Strukturreformen mit einem missionarischen Aufbruch zu verbinden versucht. Eine Alternative zu diesem Reformweg, auf dem "wir sicherlich auf Fehler machen werden", sieht Schönborn nicht: "Es wäre sicherlich ein noch viel größerer Fehler, wenn wir nichts unternehmen würden".
Zu den "Aufregern" auch über die eigenen Diözesangrenzen hinweg zählt immer wieder das Thema der Kirchenschenkungen. Tatsächlich hat die Erzdiözese Wien in den vergangenen Jahren bereits mehrere Kirchen vorwiegend an orthodoxe Kirchengemeinden übergeben. Dieser Prozess sei noch nicht an ein Ende gekommen, so Schönborn unter Verweis etwa auf laufende Gespräche mit der syrisch-orthodoxen Kirche. "Die Zahl der Christen in der Stadt wächst - wenn auch nicht unbedingt die Zahl der Katholiken" - in dieser Situation sei es der Erzdiözese Wien wichtig, dass alle christlichen Gemeinschaften ausreichende Gottesdienststätten haben und damit in der Stadt auch "Beheimatung" finden können. Ein Signal also der Wertschätzung, das zugleich auch das Geheimnis des besonderen ökumenischen Einvernehmens in Wien sei, "um das uns mach einer beneidet", so der Kardinal.
Papst-Schreiben: "Ein erstaunliches Dokument"
Baustellen gibt es jedoch nicht nur in der eigenen Diözese. Schließlich nimmt Schönborn auch Funktionen innerhalb der Weltkirche war. So hat ihn Papst Franziskus jüngst als Mitglied der Bildungskongregation bestätigt. Zugleich ist er aber auch noch Mitglied der Glaubenskongregation, der Kongregation für die Orientalischen Kirchen und verschiedener päpstlicher Räte und Kommissionen. Der Draht nach Rom ist also auch unter dem Benedikt-Nachfolger nicht gekappt. Dessen jüngstes Lehrschreiben "Evangelii Gaudium" bezeichnet Schönborn mit der nunmehrigen Distanz einiger Wochen als "sehr erstaunliches Dokument", das er jedem zur Lektüre und Meditation nahe lege.
Konkret nehme er für sich drei Dinge mit, so Schönborn: Zum einen die Betonung jener Freude, die der Begegnung mit den Armen entspringe. Zum zweiten die Betonung der Bedeutung gelungener Predigt für die Evangelisierung und Verkündigung. Da er selbst als Dominikaner aus einem Predigerorden komme, wisse er um die Bedeutung guter Predigten - und die negativen Folgen "schlechter" Predigten: "Warum sind unsere Predigten oft so lebensfern, so unattraktiv und langweilig?" Das Papst-Schreiben könne helfen, dieser Frage produktiv auf den Grund zu gehen.
Schließlich griff Schönborn auch die laufende Diskussion über die Kapitalismuskritik des Papstes auf. Aus den päpstlichen Aussagen spreche eindeutig die lateinamerikanische Erfahrung, "die wir besser kennenlernen sollten und von der wir uns auch infrage stellen lassen sollten", so Schönborn. Auch wenn die Papst-Kritik "für uns, die wir eine soziale Marktwirtschaft gewohnt sind, übertrieben scheint", so ziele sie doch in erster Linie auf jene Kontinente wie Afrika oder Asien, die unter eben jenen kapitalistischen Auswüchsen litten.