
"Franziskus legt die Latte für die Kirche hoch"
Papst Franziskus stellt die Kirche auf radikale Weise vor die Frage, ob sie genug für die Armen lebt: Das hat Kardinal Christoph Schönborn am Mittwochabend bei der traditionellen Adventbegegnung mit Mitarbeitern des ORF im Wiener Franziskanerkloster erklärt. "Der Papst legt die Latte für die Kirche hoch - mit einer Sprache, die man in der Kirche seit Franz von Assisi nicht mehr gehört hat ist und mit Gesten und Aussagen, die nicht als Rhetorik zur Seite zu schieben sind", so der Wiener Erzbischof vor den über 150 anwesenden Journalisten.
Besonders hob Schönborn Aussagen aus dem apostolischen Schreiben des Papstes "Evangelii gaudium" hervor. "Der Papst stellt in den Raum, was uns blüht, wenn die Armen ausgeklammert bleiben: Wir gehen unter in einer spirituellen Weltlichkeit, die mit religiösen Übungen, unfruchtbaren Versammlungen und leeren Reden heuchlerisch verborgen ist", zitierte der Kardinal aus dem Dokument. Dieses beinhalte "nicht nur 'churchbashing' mit päpstlichen Worten", sondern mahne ebenso die europäische Gesellschaft, etwa ihre Ängste vor Migranten und Flüchtlingen zu überwinden: Eine großherzige Öffnung zerstöre laut Franziskus nicht die eigene Identität, sondern schaffe neue kulturelle Synthesen, wie dies etwa in Lateinamerika zu beobachten sei.
Zu dieser Großherzigkeit und zur Ausrichtung auf die Armen rufe der Papst auch durch seine Taten und Gesten auf, auf denen seine mediale Stärke beruhe, so der Wiener Erzbischof. Herausfordernd und unbequem sei er dabei mit der Wahl der Flüchtlingsinsel Lampedusa als Ziel seiner ersten Reise gewesen, ebenso wie mit der ständigen Verwendung eines bescheidenen Fahrzeugs, was etwa beim Weltjugendtag in Rio de Janeiro deutlich sichtbar gewesen sei: "Das kleinste Auto in der Autokolonne der Security-Fahrzeuge war damals der kleine weiße Fiat des Papstes", rief Schönborn in Erinnerung.
Alle diese Gesten seien jedoch nicht für den medialen Effekt aufgesetzt, sondern für Franziskus immer Selbstverständlichkeit und dadurch auch glaubwürdig. "Der Papst macht es einfach. Er ist ein großer Entscheider, der viel zuhört und sich beraten lässt, jedoch dann auch entscheidet. Das ist seine Stärke", so der Kardinal.
Papstrücktritt war "Einschnitt"
Rückblickend auf das Jahr 2013, hob Schönborn die Rücktrittserklärung von Papst Benedikt XVI. am 11. Februar als "geschichtlichen Einschnitt" hervor, der erst den Boden für das Geschehen des Konklaves bereitet habe. "Dieser Schritt eines Papstes, der sagte 'Die Aufgaben sind groß, doch ich habe nicht mehr die Kraft für sie', war eine große Überraschung für uns alle. Dieser Akt hat erst jene Dynamik ausgelöst, die zur Wahl von Papst Franziskus geführt hat."
Nach der Papstwahl im März sei er selbst "happy, beschwingt, beglückt" gewesen, gestand der Kardinal. "Unglaublich" sei, wie dieses Ereignis die Menschen weltweit berührt habe, wobei den Medien eine wichtige Rolle in der Vermittlung dieser positiven Berührtheit zugekommen wäre. "Die Berichterstattung zeugte von großer Wertschätzung und von Interesse", so Schönborn auch im Blick auf den ORF. Er sei erfreut darüber, dass in Folge auch über den Weltjugendtag, der die Vitalität der lateinamerikanischen Kirche gezeigt habe, "deutlich ausgiebiger als in früheren Jahren" berichtet worden sei.
Wrabetz: Mehr als 4,5 Millionen "kreuz und quer"-Zuseher
Religionssendungen tragen zur Auseinandersetzung der Zuseher mit Glaubensfragen bei, entwickeln sich positiv und werden vom Publikum auch sehr gut angenommen: Das unterstrich seinerseits ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz in seiner Ansprache bei der Adventbegegnung. Zugleich bekannte sich Wrabetz zur Weiterführung der ORF-Religionsabteilungen in hoher Qualität sowie zum Verbleib eines Religionsvertreters im ORF-Stiftungsrat.
Herausragend unter den ORF-Religionssendungen ist laut Wrabetz das Magazin "kreuz und quer" mit einem weitesten Seherkreis von 4,5 Millionen Zusehern im Jahr 2013. "62 Prozent der Fernsehbevölkerung Österreichs hat die Sendung somit zumindest einmal gesehen", so der Generaldirektor. Wesentlich habe zu diesem Ergebnis beigetragen, dass die Dienstagabend-Sendung auf ORF 2 nunmehr auch mittwochs auf ORF III im Hauptabendprogramm ausgestrahlt wird. Spitzenreiter war dabei die Sendung vom 12. März: 270.000 Zuseher wollten vor dem Hintergrund des Konklaves über den "Papabile aus Österreich", Christoph Schönborn, informiert werden. Bewährt hätten sich jedoch ebenso die Formate "Orientierung" und "Feierabend".
Auch die Bilanz der Religionssendungen in den ORF-Radios sei beachtlich, so Wrabetz: Neben den 70 Gottesdiensten, die 2013 ausgestrahlt wurden, zählten für ihn die "Logos"-Sendungen, etwa jene zum 40. Todestag von Msgr. Otto Mauer, zu den Höhepunkten des Jahres. Der ORF-Chef verwies auch auf die Sendereihe "Mein Credo", bei der Hörer drei Monate lang ihr "Glauben und Zweifeln" formulieren konnten, sowie auf den Civis- und Leopold-Ungar-Preis an Journalisten aus der ORF-Abteilung Religion als Beleg für die hohe Qualität der hier produzierten Beiträge.
"Jahr der magischen Momente"
Die Bilanz der Papstwahl aus ORF-Sicht: Die Sender ORF 2 und ORF III brachten insgesamt 50 Stunden Fernsehprogramme, dazu wurden zwölf Stunden Radioprogramme erstellt, zählte Wrabetz auf. Zwei Millionen Menschen hätten allein in Österreich den "packenden Moment" der Bekanntgabe des neuen Papstes vor den Fernsehbildschirmen miterlebt - für den ORF-Chef ein Beweis dafür, dass die nicht zeitversetzten TV-Bilder in manchen Fällen noch immer konkurrenzlos seien. "Sie geben die Möglichkeit, gemeinsam zu erleben und sich gemeinsam zu freuen."
Mit Papst Franziskus und seinen "neuen Ideen und neuem Auftreten" sieht Wrabetz eine "positive Veränderung und Dynamik" eingeleitet, wobei auch den Medien eine wichtige Rolle zukomme: "Sie nehmen diese Stimmung wahr und transportieren sie weiter - wobei es nicht ihre Aufgabe sein darf, Dinge in eine bestimmte Richtung zu treiben. Wenn es kritisch ist, müssen sie kritisch berichten, ebenso gilt es jedoch auch positive Veränderungen darzustellen." Es sei schön zu sehen, wie vom neuen Papst eine Begeisterung für die Auseinandersetzung mit Fragen des Glaubens und der Ethik ausgehe, so der ORF-Generaldirektor.
Auch 2014 stünden religiöse Großereignisse bevor, denen der ORF Schwerpunkte widmen werde, kündigte Wrabetz an: Besonders die Heiligsprechung der Päpste Johannes Paul II. und Johannes XXIII. im April gehörten dazu, weiters auch der nahende 10. Todestag von Kardinal Franz König sowie "Ein Jahr Papst Franziskus".