
50 Jahre nach dem Treffen in Jerusalem
Vor 50 Jahren, vom 4. bis 6. Jänner 1964, besuchte Papst Paul VI. das Heilige Land. Es war die erste Auslandsreise eines Papstes seit 150 Jahren, eine Pilgerfahrt an die "Wiege des Christentums". Vor allem aber erreichte sie durch das Gipfeltreffen mit dem orthodoxen Patriarchen Athenagoras einen epochalen Durchbruch in den kirchlichen Ost-West-Beziehungen. Das Ereignis war so bedeutsam, dass Papst Franziskus den 50. Jahrestag mit einer eigenen Reise begehen möchte. Er wird nicht zum Jahrestag selbst, sondern - witterungsbedingt - aller Wahrscheinlichkeit nach erst im kommenden Mai seine Nahostreise antreten. Und dabei dürfte er auch mit Athenagoras' Nachfolger Bartholomaios zusammentreffen.
Paul VI. trat seine Heilig-Land-Reise während des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) an. Zu einer Zeit, als in der Region offiziell noch Kriegszustand herrschte. In jenen Pioniertagen der Papstreisen wurde viel improvisiert. Das genaue Besuchsprogramm stand erst am Tag vor der Abreise fest. Und welche Dynamik eine Volksbegeisterung um einen Papst auslösen kann, erfuhr leidvoll die jordanische Polizei: Bei der Ankunft des Kirchenoberhaupts am Damaskus-Tor der Jerusalemer Altstadt brachen Absperrungen und Polizei-Cordons zusammen. Der Papst konnte nur mit Mühe einem Chaos entkommen.
Papst Paul VI. pilgerte zu den Heiligen Stätten. Er feierte Messen in Jerusalem, Nazareth und Bethlehem, fuhr nach Kana und Kapharnaum, nach Tabga und auf den Berg Tabor. Und er besuchte ohne große Eskorte in Jerusalem eine arme arabische Familie. Jerusalem war damals zweigeteilt, die Demarkationslinie zwischen der jüdischen Neu- und der arabischen Altstadt galt als eine der heißesten Grenzen der Welt. Paul VI., der in Amman gelandet und von König Hussein mit allen Ehren begrüßt worden war, besuchte beide Seiten - trotz Protesten aus Ägypten, wo Gamal Abdel Nasser gegen jede Anerkennung des verhassten Israel polterte.
Interreligiöser Aufbruch
An einem eigens für ihn geschaffenen Übergang passierte der Papst bei Meggido die Grenze und wurde in Israel von Staatspräsident Salman Schazar begrüßt. Der Papst habe es "als erster gewagt, auf beiden Seien der israelisch-arabischen Grenze vom Frieden zu sprechen", lobten anschließend die Medien. "Als Pilger des Friedens erflehen Wir vor allem das Gut der Versöhnung des Menschen mit Gott und das der tiefen Eintracht der Menschen und Völkern", sagte er bei der Ankunft. Und beim Abschied aus Jordanien mahnte er: "Jegliche Bitterheit, Wut, Zorn, Geschrei und Lästerung samt aller Bosheit bleibe fern von euch."
Als Friedensmission war die Papstreise wenig erfolgreich - drei Jahre später schuf der Sechs-Tage-Krieg eine neue Landkarte der Region. Aber die Rückkehr zu den Quellen des eigenen Glaubens brachte Bewegung in den interreligiösen Kontakt. Es war - noch vor einer Konzilserklärung "Nostra aetate" - die erste große Begegnung eines Papstes mit dem Judentum. Das Alte Testament wurde bei der Reise so häufig zitiert wie damals selten von Katholiken. Impulse gab es durch die Begegnung mit dem Groß-Mufti auch im Kontakt mit dem Islam.
Katholisch-orthodoxes Gipfeltreffen
Höhepunkt der Reise war jedoch das erste katholisch-orthodoxe Gipfeltreffen. Zum ersten Mal seit 1054 begrüßten und umarmten sich ein römischer Papst und ein orthodoxer Patriarch. Die Begegnungen Pauls VI. mit Athenagoras von Konstantinopel, die damals nur über den Umweg nach Jerusalem möglich schienen, waren äußerst herzlich. "Seit Jahrhunderten lebt die christliche Welt in der Nacht der Trennung. ... Möge diese Begegnung die Morgenröte eines hellen und gesegneten Tages werden, an dem kommende Generationen am gleichen Kelch Christi teilnehmen", betonte der Patriarch bewegt. Und Paul VI. sagte in seiner Predigt in Bethlehem: "Wir sind bereit, jedes denkbare Mittel ins Auge zu fassen, das geeignet ist, die Wege zum Dialog in Achtung und Liebe mit den von uns noch getrennten christlichen Brüdern zu ebnen".
Der Ökumene-Gipfel im Heiligen Land hatte Folgen: Eineinhalb Jahr später nahmen beide Kirchenführer feierlich den gegenseitigen Bann aus dem Jahre 1054 zurück. Es begann eine neue Ära der Kirchengeschichte.