
Pontifikatswechsel: Chance und Bürde
Er markiert einen deutlichen Einschnitt und ist Chance und Bürde gleichermaßen: der Pontifikatswechsel von Benedikt XVI. zu Papst Franziskus vor einem Jahr. So lautet die einhellige Einschätzung der österreichischen Theologen Prof. Jozef Niewiadomski (Innsbruck), Prof. Gregor-Maria Hoff (Salzburg) und Prof. Jan-Heiner Tück (Wien). Im Gespräch mit "Kathpress" zeigten die Theologen sich ebenso einig in ihrer Einschätzung, dass das Pontifikat Benedikts XVI. zumindest ein "Übergangspontifikat" war, im schlimmsten Falle angesichts der mit ihm verbundenen kirchlichen Krisen aber auch als "Pontifikat der Krise" angesehen werden müsse.
Der Innsbrucker Dogmatiker Jozef Niewiadomski sieht mit dem Ende des Pontifikats Benedikts XVI. zugleich ein Stück Kirchengeschichte zu Ende gehen: Seither müsse man eingestehen, dass das "kirchliche Europa" zur "Welt von Gestern" geworden sei. Das Pontifikat Benedikts XVI. habe sich entsprechend durch Versuche ausgezeichnet, den Lauf der Zeit aufzuhalten und eine "Rückkehr zur Ordnung" zu versuchen. Darin sei Benedikt XVI. jedoch gescheitert, so Niewiadomski. Als Beispiele nannte der Theologe etwa die "Zugeständnisse an die Piusbruderschaft", den Missbrauchsskandal und den Versuch einer "Wiederbelebung alter liturgischer Symbolik" - ein Versuch, der heute als "total misslungen" bewertet werden müsse.
Ähnlich die Einschätzung des Dekans der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Salzburg, Gregor-Maria Hoff: Benedikt XVI. habe viele Baustellen hinterlassen - etwa in der Ökumene, im Blick auf die Pius-Bruderschaft, aber auch durch seine Äußerungen zum Islam in der umstrittenen "Regensburger Rede" und seine Neuformulierung der Karfreitagsfürbitte. Trotz "Nachbesserungen und Klärungen" seien dies "Hypotheken", die Franziskus nun übernommen habe. Auch angesichts des Missbrauchsskandals, "dessen strukturellen Gründe nicht entschieden aufgearbeitet wurden" und der "Vatileaks"-Affäre müsse man zu dem Urteil kommen, dass "Problemüberhänge" des Pontifikats geblieben sind, "die in einer Zeit des globalen kirchlichen Umbruchs eine pastorale Restrukturierung der Kirche als Desiderat erscheinen lassen", so Hoff. So müsse man das Pontifikat Benedikts wohl als ein "Pontifikat der Krise und des Übergangs" betrachten.
"Mutige und demütige Geste"
Weniger scharf die Einschätzung des Wiener Dogmatiker Jan-Heiner Tück. Dieser wertet den Amtsverzicht Benedikts als "eine mutige und zugleich demütige Geste". "Dieses Eingeständnis der Schwäche ist stark", so Tück. Im Blick auf die Frage nach Bruch oder Kontinuität zwischen beiden Päpsten spricht sich Tück für die Rede von einer "Akzentverschiebung" aus. Benedikt XVI. habe sein Amt vor allem als "Lehrer" wahrgenommen, Franziskus hingegen verstehe sich mehr als "Hirte, der in Tuchfühlung mit den Gläubigen einen gemeinsamen Weg gehen will" und ein besonderes "Sensorium für die Verlorenen" habe.
Neue Akzente erkennt Tück darüber hinaus in der schwindenden Eurozentrik der Kirche, in seiner Fokussierung auf Arme und Ausgeschlossene sowie in einer "heilsamen Dezentralisierung" der Kirche. "Der Papst weiß, dass er die kulturell polyzentrische Weltkirche nicht allein regieren kann, darum pflegt er stärker einen kollegialen Führungsstil." Zur Bürde wird dieser Neuansatz von Franziskus dabei für die Bischöfe: "Das heißt für die Bischöfe nämlich, dass sie stärker an ihre Verantwortung erinnert werden."
Niewiadomski erkennt vor allem in den Ausführungen von Franziskus zu Fragen der sozialen Gerechtigkeit einen neuen Akzent. Ein Akzent indes, den bereits Johannes Paul II. gesetzt hat, indem er auf den Zusammenhang von Gerechtigkeit und Barmherzigkeit verwiesen habe. Daher könnten in dieser Frage Franziskus und Johannes Paul II. durchaus in großer Nähe gesehen werden. "Deswegen wird auch die Heiligsprechung von Johannes XXIII. und Johannes Paul II. der symbolische Höhepunkt des Pontifikats von Franziskus sein."
Von einem dezidierten Bruch will auch Gregor-Maria Hoff nicht sprechen. So greife Franziskus durchaus Perspektiven von Benedikt auf, "gibt ihnen aber einen anderen Akzent, etwa in seiner Bestimmung von Kirche und Welt, die sich nicht auf den Generalnenner 'Entweltlichung' bringen lässt, wie ihn Benedikt XVI. in seiner Freiburger Konzerthausrede angegeben hat." Zumindest im Blick auf das Kirchenverständnis weise Franziskus daher "in eine andere Richtung" als Benedikt XVI. Als "theologisch bemerkenswert" bezeichnet der Theologe die Impulse, die Franziskus in "Evangelii Gaudium" gegeben habe, aber auch den besonderen "ökumenischen Stil" und die "israeltheologisch aufregende Aussage", dass "Gott weiterhin im Volk des Alten Bundes wirkt."