
Tück:Mehr Verantwortung für Ortsbischöfe
Die Bischöfe werden künftig sowohl in der Leitung der Ortskirche als auch der Weltkirche mehr Verantwortung wahrnehmen müssen als bisher. Diese Ansicht vertritt der Wiener Dogmatiker Prof. Jan-Heiner Tück in einem Interview mit den "Salzburger Nachrichten" (Donnerstag-Ausgabe) anlässlich des einjährigen Amtsjubiläums von Papst Franziskus. Der Papst habe in diesem ersten Jahr bereits deutlich eine Dezentralisierung der Kirche eingeleitet: "Er hat ein Beratungsgremium von acht Kardinälen geschaffen, das die Präsenz der Ortskirchen in Rom stärken soll. Der Papst weiß, dass er die Weltkirche nicht allein regieren kann, darum pflegt er einen kollegialen Führungsstil."
Zentral sei dabei auch die Reform der Kurie. Tück: "Päpste kommen und gehen - der kuriale Apparat bleibt. Franziskus will, dass die Kurie der Kirche dient und nicht umgekehrt." Die Arbeit der kurialen Instanzen müsse besser aufeinander abgestimmt werden. Es gehe um mehr Transparenz und Effizienz.
Es sei ungewöhnlich, so Tück, dass die Therapie der Dezentralisierung aus der Zentrale selbst kommt. Es gebe aber noch eine gewisse Zögerlichkeit, diese Therapie anzunehmen. "Manche Bischöfe haben das Gespräch über kirchliche Reformen mit Verweis auf Rom ja kategorisch abgelehnt und dadurch die Tuchfühlung mit dem Denken und Fühlen vieler Gläubigen verloren", so der Theologe wörtlich.
Franziskus wolle, dass Probleme nicht zentral, sondern auf lokaler oder regionaler Ebene durch die Ortskirchen gelöst werden. Nur wenn sich Konflikte vor Ort nicht lösen lassen, sollten gesamtkirchliche Instanzen eingeschaltet werden. Tück: "Das heißt für die Bischöfe, dass sie stärker an ihre Verantwortung erinnert werden."
Es wäre laut Tück sicher auch im Sinne von Franziskus, dass Bischofskandidaten eruiert werden, die neben der Treue zur kirchlichen Lehre auch eine breite Akzeptanz vor Ort haben. Ob und wie man unter modernen Bedingungen die altkirchliche Praxis wiederaufnehmen kann, das Kirchenvolk, konkret die Laien, an der Bischofsernennung zu beteiligen, darüber wäre konkret nachzudenken, meinte der Dogmatiker.
Differenz zwischen Lehre und Leben
Auf den vatikanischen Fragebogen zu Ehe und Familie angesprochen meinte der Experte, dass dieser die Wahrnehmung dafür schärfe, was das Kirchenvolk denkt. "Das heißt natürlich nicht, dass nun demoskopische Mehrheiten die kirchliche Lehre bestimmen werden. Aber die Differenz zwischen Lehre und Leben lässt sich nicht mehr ignorieren. Darüber müssen die Bischöfe auf der Synode diskutieren. Soll die Lehre nur zeitgemäßer ausgedrückt werden oder besteht punktuell - etwa bei der Pastoral mit wiederverheirateten Geschiedenen - Revisionsbedarf?"
Er erwarte sich künftig zumindest freimütige Diskussionen über den Zugang zu den Sakramenten für wiederverheiratete Geschiedene und über die Priesterweihe für bewährte verheiratete Männern.
Als weiteren neuen Akzent des Papstes nannte der Theologe, dass sich die Gewichte in der Weltkirche verschieben würden. Tück: "Der Einfluss Europas wird geringer, die Präsenz der anderen kontinentalen Großräume größer. Das entspricht der Statistik: nur noch 25 Prozent der Katholiken kommen aus Europa."
Weiters sei Franziskus ein Anwalt der Armen und Ausgeschlossenen. Seine Kritik an einer "Globalisierung der Gleichgültigkeit" sollte auch den Funktionseliten in Politik und Wirtschaft zu denken geben.
Im Hinblick auf den emeritierten Papst Benedikt XVI. sagte Tück, dass Franziskus einen neuen Stil pflege: "Er versteht sich stärker als Hirte, der den Verlorenen nachgeht. Er ist weniger, wie sein Vorgänger Benedikt XVI., Lehrer des Glaubens." Die theologische Übereinstimmung zwischen beiden Päpsten sei aber größer, als manche Kommentatoren meinen.
Hagenkord: Viel positive Unruhe
Diese Einschätzung teilt auch P: Bernd Hagenkord, Leiter der deutschsprachigen Redaktion von "Radio Vatikan". Im Interview mit den "Oberösterreichischen Nachrichten" (Donnerstag-Ausgabe) wollte Hagenkord nicht von fundamentalen Gegensätzen zwischen Franziskus und Benedikt XVI. sprechen: "Franziskus hat einfach andere Themen: Eine arme Kirche für die Armen. Das bekommt durch seinen Kommunikationsstil, aber auch aufgrund seiner Herkunft aus Lateinamerika eine besondere Wucht. Das bedeutet aber nicht, dass es einen Widerspruch gäbe."
Die beginnende Kurienreform bewertete Hagenkord sehr positiv. Die "Dynamik des Papstes" bringe viel Unruhe im positiven Sinn mit sich. Es wurden zwar der Kardinalsrat und das Wirtschaftssekretariat gebildet, aber andere Dinge stünden noch aus. Hagenkord: "Da ist noch Unruhe drinnen, denn so ein Umbau einer Bürokratie, auch wenn sie eher klein ist, geht nicht so einfach."
Auch der "Radio Vatikan"-Chefredakteur unterstrich das neue Gesprächsklima im Vatikan und verwies auf die kommenden Synoden zu Ehe und Familie. Papst Franziskus werde wohl kaum Entscheidungen von oben herab treffen sondern öffne vielmehr zunächst einen Raum zur Debatte. Hagenkord: "Es geht da ja zum Beispiel unter den Kardinälen hoch her. Der Papst hat sogar gesagt, es hätte ihn beunruhigt, wenn es keinen Widerspruch gegeben hätte. Er will nichts vorherbestimmen, über das dann nur pro forma gesprochen würde. Es ist noch nicht klar, was herauskommt."
Esquivel: Transparenz und Klarheit nötig
"Die Kirche muss sich verändern und erneuern, denn sie wird sonst zum Fossil. Wie man der Kirche wieder Glaubwürdigkeit verschafft, ist eine riesige Herausforderung." - Das betonte der argentinische Bürgerrechtler und Friedensnobelpreisträger Adolfo Perez Esquivel in einem "Standard"-Interview (Donnerstag) zum päpstlichen Amtsjubiläum des Papstes. Er nannte den Zölibat und den Umgang der Kirche mit wiederverheiratet Geschiedenen als zentrale Reformpunkte: "Franziskus geht diese Themen an, aber allein wird er es nicht schaffen. Die größte Herausforderung ist mehr Transparenz und Klarheit innerhalb der Kirche."
Persönlich zeigte sich Esquivel vom bescheidenen Lebensstil des Papstes angetan. Er sei zudem ein warmherziger Mensch, "der die Nähe zum Nächsten sucht". Das scheine ihm nun auch besser möglich als zuletzt als Erzbischof von Buenos Aires: "Für ihn war die Situation in Argentinien schwierig, vor allem die ständige Konfrontation wegen seines Engagements für die Armen. Sein Umzug nach Rom hat ihm eine neue Aufgabe gebracht, in der er aufgeht. Das hat diese Freude und Spontanität an den Tag gebracht, die zuvor oft verborgen blieb."
Der Bürgerrechtler nahm den Papst auch nochmals gegen Kritiker in Schutz, die ihm eine zu große Nähe zur Militärjunta von 1978 bis 1983 attestierten. Esquivel: "Ich war einer der Ersten, die öffentlich erklärten, dass Franziskus kein Kollaborateur der argentinischen Militärdiktatur war." Bergoglio sei zu dieser Zeit nicht Bischof, sondern Provinzial des Jesuitenordens gewesen, weshalb sein Einfluss in der Regierung begrenzt war. Er habe damals sogar viele Verfolgte in Sicherheit gebracht. Esquivel: "Er betrieb eine stille Diplomatie. Die Kritik an ihm kam aus den Reihen der Sympathisanten der argentinischen Regierung unter Cristina Kirchner, die nicht gut auf Bergoglio zu sprechen war."
In der argentinischen Kirche habe es Licht und Schatten gegeben. Einige Bischöfe seien eng mit der Militärdiktatur verbunden gewesen. Aber viele Priester und Laien hätten sich für Verfolgte und Arme eingesetzt. Esquivel: "Franziskus zu diskreditieren, das war ein Fehler, denn er ist der erste Papst, der die eurozentristische Vision der Kirche hinter sich lässt und neue Möglichkeiten erschließt. Das beweist er seit einem Jahr jeden Tag aufs Neue, und deshalb ist diese Kritik inzwischen verstummt."