Nein zur Liberalisierung der Sterbehilfe
Im Hinblick darauf, dass die Babyboom-Generation in Österreich allmählich ins Pensionsalter kommt, wäre eine Liberalisierung der Gesetzeslage zur Sterbehilfe "der falscheste Zeitpunkt". Laut Herbert Watzke, Professor für Palliativmedizin an der Medizin-Uni Wien und Präsident der Österreichischen Palliativgesellschaft, werde diese zahlenmäßig so starke Generation der Gesellschaft "massiv zur Last fallen". Angesichts dieser demographischen Herausforderung und der Tatsache, dass es bisher in der Geschichte keine Erfahrungen mit einem derart hohen Anteil an alten Menschen an der Gesamtbevölkerung gebe, sollten ethische Standards jetzt keineswegs gelockert werden, zumal der Ausbau der Hospiz- und Palliativersorgung in Österreich längst nicht abgeschlossen sei.
Watzke bildete gemeinsam mit Waltraud Klasnic und Karl Bitschnau, Präsidentin bzw. Vizepräsident des Dachverbandes Hospiz Österreich, das Podium eines Pressegesprächs zur Enquete "Leben bis zuletzt", das Palliativgesellschaft und Hospizverband am Dienstagnachmittag im Wiener Museumsquartier veranstalten. Beide Organisationen treten dabei für größtmögliche Lebensqualität bis zuletzt und ein Sterben in Würde ein, "ohne fremdbestimmte künstliche Verlängerung und ohne künstliche Verkürzung".
Die in Österreich im Vergleich mit den Niederlanden, Belgien oder der Schweiz strenge Gesetzgebung mit Verboten für assistierten Selbstmord und Tötung auf Verlangen sollen laut Watzke unbedingt beibehalten werden. Wer auf seine Autonomie poche, selbst den Zeitpunkt seines Todes bestimmen zu können, negiere die Erfahrungen, die in der Sterbebegleitung Tätige immer wieder mit Menschen im Angesicht des Todes machen: Ankündigungen wie "Wenn ich Krebs habe, bringe ich mich um" werden laut Watzke nur in den allerseltensten Fällen auch tatsächlich umgesetzt; die meisten Betroffenen würden sich für lebensverlängernde Interventionen entscheiden, weil es offenbar eine "natürliche Hemmung" gebe, dem eigenen Leben ein Ende zu setzen.
Diese Autonomie an andere auszulagern bzw. diese Möglichkeit zu legalisieren sei ein gefährlicher Weg, warnte der Palliativmediziner. Watzke sprach sich dagegen aus, Gesetze für eine kleine Minderheit zu machen, sondern die große Mehrheit dabei im Blick zu haben. Nicht übersehen werden darf laut Watzke zudem, dass es auch in Österreich legale Möglichkeiten gibt, lebensverlängernde Mittel zu verweigern und dem natürlichen Sterben seinen Lauf zu lassen.
Sterbehilfe-Nein in Verfassung "kann stärken"
Waltraud Klasnic berichtete, keine Frage werde ihr als Hospizverbandspräsidentin derzeit so oft gestellt wie jene, ob das Verbot aktiver Sterbehilfe in der Verfassung verankert werden solle (wie u.a. von der Kirche gefordert). Ihre Haltung: Die Verankerung sei eine "politische Entscheidung, die die Arbeit der Hospiz- und Palliativbewegung stärken kann". Die Aufgabe dieser Bewegung sei freilich in erster Linie praktischer Natur, nämlich "für den Alltag zu sorgen".
Alle Menschen, so unterschiedlich sie auch sind, seien vereint durch das Wissen, dass sie sterben müssen, wies Klasnic hin. Und unabhängig vom Alter sollten alle die Möglichkeit haben, in Schmerz und Einsamkeit begleitet zu werden und zugleich frei entscheiden zu können, wie ihre letzte Lebensphase gestaltet sein soll.
Karl Bitschnau nahm in seinem Statement Bezug auf das "Pendeln zwischen Lebenswillen und Todeswunsch" und "das immer neue Ausbalancieren von Selbstbestimmung und Fürsorge", die die Sterbephase für viele Betroffene und Betreuende kennzeichne. In Zeiten des Angewiesenseins sollten Menschen auf ein Netzwerk spezialisierter Hospizeinrichtungen zurückgreifen können. Als Problem bei der Realisierung eines solchen Netzwerkes benannte der Verbands-Vizepräsident die in Österreich getrennten Ressorts für Gesundheit und Soziales, wodurch Zuständigkeiten gerne "hin- und hergeschoben" würden.
Flächendeckende Hospizbetreuung für alle
Die Enquete "Leben bis zuletzt" finde vor dem Hintergrund der jüngsten Regierungserklärung statt, die eine Absage an aktive Sterbehilfe und ein Bekenntnis zum Ausbau der humanen Sterbebegleitung enthält, erläuterte Waltraud Klasnic. Sie erneuerte die vom Dachverband Hospiz Österreich schon mehrfach erhobene Forderung nach einer flächendeckenden, für alle leistbaren Hospiz- und Palliativbetreuung sowie einem aufgefächerten Angebot stationären und mobiler Einrichtungen.
Zu Wort kommen bei der Enquete keine Vertreter von Politik und Religionsgemeinschaften, sondern Fachleute mit unmittelbarer Erfahrung in der Sterbegeleitung, weiters Christiane Druml, die Vorsitzende der Bioethikkommission beim Bundeskanzleramt und Primar Johannes Meran vom Krankenhaus der Barmherzigen Brüder.