
Wolf: "Der Kirche hilft nur Wahrhaftigkeit"
Papst Franziskus ist derzeit ein medialer "Dauerbrenner": Seine Reformansagen erscheinen selbst kircheninternen Reformkräften wie ein frischer Wind. Zögernd zeigt sich indes der prominente deutsche Kirchenhistoriker Hubert Wolf. Franziskus sei für Wissenschaftler wie ihn, die auf Akten- und Archivbestände des Vatikan angewiesen sind, ein "Unsicherheitsfaktor", so Wolf im Gespräch mit "Kathpress". Unsicher sei nämlich, inwiefern Papst Franziskus dem Programm seines Vorgängers bei der sukzessiven Öffnung der Archive folgen wird. Im Fokus steht dabei vor allem das umstrittene Pontifikat Pius XII. (1939-1958), dessen Archivöffnung ursprünglich für den heurigen Herbst erwartet wurde.
Wolf: "Für Johannes Paul II. und Benedikt XVI. war die Öffnung der Archive dieser Zeit im Blick vor allem auf die Frage des Holocausts und des Krieges prioritär. Sie gehörten einer Generation an, die von dieser Zeit lebensgeschichtlich betroffen war." Entsprechend sei ihnen die Archivöffnung ein persönliches Anliegen gewesen. Franziskus bringe nun andere Themen und andere Interessen mit. Ob die Archivöffnung daher kommt, stehe noch in den Sternen: "Das hat für Franziskus keine Priorität."
Zugleich räumte Wolf erneut mit der Mär eines zensurierten vatikanischen Archivwesens auf: "Es gibt dort keine Zensur. Wenn etwas zugänglich gemacht ist, wird es nicht im Nachhinein wieder in Teilen geschlossen". Die große Unbekannte im vatikanischen Archivwesen sei dabei die Größe des Archivs, die eine Archivierung und digitale Erfassung, wie man sie etwa aus dem deutschen oder österreichischen Staatsarchiv kenne, unmöglich mache. "Es ist so, als würde man Troja ausgraben: Man hat eine Ahnung, dass da irgendwo was sein muss, mehr nicht..."
Kirchenhistoriker schreibt Bestseller
So sei es auch bei seinem jüngsten Buch, dem Bestseller "Die Nonnen von Sant'Ambrogio" gewesen. "Man wusste von einem Gerücht, dass eine Prinzessin aus dem Hause Hohenzollern in einem Kloster vergiftet worden ist. Mehr nicht." Gefunden hat Wolf schließlich sämtliche Inquisitionsakten des Falls aus der Mitte des 19. Jahrhunderts mit zum Teil pikanten Details zu Dämonenaustreibungen, lesbischen Initiationsriten und Mordversuchen in einem italienischen Nonnenkloster. Die besondere Pikanterie: Im Mittelpunkt steht der damalige vatikanische Spitzentheologe und Papst-Vertraute Josef Kleutgen, der maßgeblich das päpstliche Unfehlbarkeitsdogma mitformulierte.
Bei seiner gesamten Forschung gehe es ihm nicht darum, eine Art "Kriminalgeschichte" des Christentums aus wissenschaftlicher Sicht zu schreiben oder zu bedienen, sondern darum, der Kirche zu einem "wahrhaftigen Umgang mit ihrer Vergangenheit" zu verhelfen, so Wolf gegenüber "Kathpress". Darin liege schließlich die "aufklärerische Arbeit" der Kirchengeschichte - "dass sie ohne Wenn und Aber die Dinge auf den Tisch legt".
Dies habe schon Papst Johannes Paul II. verlangt, so Wolf, als dieser bei der Öffnung der Inquisitionsarchive gesagt habe, dass die Kirche die Wahrheit, die aus der Geschichte komme, nicht zu fürchten brauche. Wenn nämlich das Lehramt der Kirche für die Fehler, Sünden und Vergehen der Kirche um Verzeihung bitten wolle, so müsse das Lehramt zunächst von der Kirchengeschichtsforschung über den genauen Umfang und die zeithistorischen Bedingungen dieser Schuld informiert werden, so Wolf.
Die Bedeutung der Kirchengeschichte gehe jedoch noch über diese Funktion hinaus, so Wolf weiter. Schließlich müsse der Historiker dafür sorgen, dass die aktuellen innerkirchlichen Diskussionen auf der Basis des "kirchengeschichtlich gedeckten Tisches" geführt werden, d.h.: "Wir müssen die vergessenen Optionen der Kirchengeschichte auf den Tisch legen und aus den Entscheidungen und Fehlern in der Geschichte lernen."