
"Schmerz Gottes" über Shoah
Papst Franziskus hat in der Jerusalemer Gedenkstätte Yad Vashem der sechs Millionen Opfer des Holocausts gedacht. In der "Halle der Erinnerung" entzündete er die Ewige Flamme und legte einen Kranz nieder. Anschließend betete er mit gebeugtem Haupt still vor einer Steinplatte, unter der die Asche von Opfern der nationalsozialistischen Vernichtungslager begraben ist.
In seiner Ansprache fragte Franziskus nach den Ursachen der "unermesslichen Tragödie des Holocausts". Zugleich bat er Gott um "die Gnade, uns zu schämen für das, was Menschen zu tun fähig gewesen sind".
Die Ansprache war als Meditation in Dialogform zwischen Gott dem Herrn und Adam, seinem Geschöpf, konzipiert. Gott fragt dabei den Menschen, nachdem dieser Verbrechen begangen hat: "Mensch wer bist du? Ich erkenne dich nicht mehr. Zu welchem Gräuel bist du fähig gewesen?" Der Papst sprach vom "Schmerz des Vaters".
Die Meditation mündete in dem Aufruf "Niemals mehr, oh Herr, niemals mehr!" Auffällig war, dass Franziskus sich in seinen Worten nicht auf die Frage eingelassen hat, ob das Leiden des jüdischen Volkes einzigartig sei oder nicht, sondern dass er anlässlich dieses Leides darauf blickte, was Menschen anrichten können.
Vor der Ansprache wechselte Franziskus mit sechs Holocaust-Überlebenden einige Worte. Begleitet wurde er von Staatspräsident Shimon Peres und Ministerpräsident Benjamin Netanyahu.
Bei seiner Ankunft in Israel hatte Franziskus am Sonntag den Besuch in Yad Vashem als einen "besonderen Moment" seines Aufenthalts bezeichnet. Die Shoah, der sechs Millionen Juden zum Opfer gefallen seien, bleibe ein Symbol dafür, "wie weit die Ruchlosigkeiten des Menschen gehen, wenn er, durch falsche Ideologien angestiftet, die grundlegende Würde eines jeden Menschen vergisst", sagte er auf dem Flughafen von Tel Aviv. Er bete zu Gott, dass ein solches Verbrechen nie wieder geschehe. Auch viele Christen und andere seien ihm zum Opfer gefallen.
Würdigung der Fortschritte im Dialog
Vor dem Besuch von Yad Vashem ging der Papst zum Denkmal für Terroropfer. Mit der gleiche Geste wie an der israelischen Trennmauer in Bethlehem und der Klagemauer berührte Franziskus mit seiner Rechten und mit geneigtem Haupt die Wand aus hellem Jerusalem-Stein, in die 78 schwarze Tafeln mit den Namen der Toten eingelassen sind. Er verurteilte "Terror" als das "absolute Böse"; er "kommt vom Bösen und verursacht Böses".
Franziskus nahm die Programmänderung laut israelischen Medien auf Bitte von Ministerpräsident Benjamin Netanyahus vor. Das 1998 eingeweihte Mahnmal auf dem Herzl-Berg erinnert an zivile Terroropfer, die seit 1851 auf israelischem Boden ums Leben kamen.
Nach dem Yad-Vashem-Besuch stand eine Visite im "Heichal Shlomo"-Center des Großrabbinats auf dem Programm. Franziskus rief dort in Gegenwart der führenden israelischen Rabbiner Shlomo Amar und David Lau Christen und Juden zum gemeinsamen Kampf gegen Antisemitismus auf. "Gemeinsam können wir entschieden jeder Form von Antisemitismus und den verschiedenen Formen von Diskriminierung entgegentreten".
Oberrabbiner Lau ermunterte Papst Franziskus, demnächst eine interreligiöse Konferenz nach Jerusalem einzuberufen.
Der Papst würdigte seinerseits die Fortschritte im jüdischen-katholischen Dialog. Was auf diesem Gebiet in den vergangenen Jahrzehnten geschehen sei, ein "echtes Geschenk Gottes, eines der von ihm vollbrachten Wunder", so der Papst. Zugleich äußerte er sich zuversichtlich, dass die regelmäßigen Gespräche zwischen dem Vatikan und dem Großrabbinat von Israel eine "glänzende Zukunft" vor sich hätten.
Katholiken und Juden müssten ihre Gemeinsamkeiten wertschätzen und gleichzeitig "das achten, was uns trennt", forderte der Papst weiter. Voraussetzung sei eine gegenseitige Kenntnis des geistlichen Erbes. Franziskus warb dafür, insbesondere unter jungen Israelis das Interesse am Christentum wachzuhalten und ihre Kenntnisse zu fördern. Solche Kenntnisse seien gerade in dem Land wichtig, in dem das Christentum seinen Ursprung habe. Er sicherte zu, dass umgekehrt auf katholischer Seite die jüdischen Wurzeln des Christentums stets bewusst blieben.
Rabbinerpräsident: Neues Verhältnis Kirche-Israel
Die jüdische Gemeinde Italiens wertet die Heilig-Land-Reise von Papst Franziskus als einen großen Schritt für die Beziehungen zwischen katholischer Kirche und dem Staat Israel. Franziskus' Besuch am Grab des zionistischen Führers in Jerusalem sei für ihn der wichtigste politische Moment der Reise, sagte der Präsident der italienischen Rabbinervereinigung, Giuseppe Momigliano, der Zeitung "Il Messaggero" (Montag).
Seit der ersten Israel-Reise von Papst Paul VI. 1964 sei im Verhältnis zwischen Heiligem Stuhl und jüdischem Staat ein weiter Weg zurückgelegt worden, so Momigliano. Als unerfreuliche Episode bezeichnete er die Proteste ultraorthodoxer Juden gegen den Papstbesuch im Jerusalemer Abendmahlssaal. Dieses Verhalten kommentiere sich selbst und spiegle nicht die Position der israelischen Autoritäten wieder. Allerdings sei allen am besten damit gedient, wenn statt einer im Raum stehenden Übergabe des Abendmahlssaals an die Katholiken weiterhin der Staat Israel dafür zuständig bleibt und allen Glaubensgemeinschaften die Nutzung garantiere.
Kritisch äußerte sich der Oberrabbiner von Genua zu einer möglichen Seligsprechung von Papst Pius XII. Dieser habe während des Holocaust niemals den Nationalsozialismus öffentlich verurteilt. Allerdings hätten viele kirchliche Würdenträger den verfolgten Juden geholfen. Ihr Andenken bleibe unter den Juden lebendig.
Kathpress-Schwerpunkt zur Papstreise: www.kathpress.at/papst-im-heiligen-land