
Kirchenhistoriker: 1914 spielte Kirche keine Rolle
Wenn in diesen Tagen des 100. Jahrestages des Ausbruchs des Ersten Weltkriegs gedacht wird, so setzt dabei auch die katholische Kirche mit dem Papst an der Spitze starke Symbole - dabei spielte die Kirche just zum Ausbruch des Krieges keine große gesellschaftliche Rolle, wie der Münsteraner Kirchenhistoriker Hubert Wolf im Gespräch mit "Kathpress" betonte: "Wenn man auf das Jahr 1914 blickt, dann muss man nüchtern feststellen: Die Kirche hat da keine wirkliche Rolle gespielt. Sie war gesellschaftlich abgemeldet, da sie nur mit sich selbst beschäftigt war."
Die sogenannte "Modernismuskrise" habe sämtliche kirchlichen Kräfte gebunden. Unter Pius X. (1903-1914) stemmte sich die Kirche gegen alle Formen moderner Philosophie, gegen Neuerungen in der Liturgie und in der Exegese. "Das führte dazu, dass die Kirche zu einem selbstreferentiellen System wurde. Anders gesagt: Im Vorfeld dieser Katastrophe des Weltkriegs, die sich ja bereits andeutete, ist die Kirche eigentlich draußen", so Wolf.
Die Kehrtwende erfolgte dann unter Papst Benedikt XV. (1914-1922) und der von ihm initiierten Friedensinitiative aus dem Jahr 1917 - eine Initiative, die laut Wolf bis heute Maßstabgeber der gesamten vatikanischen Friedenspolitik sei. Auch wenn die Initiative an den Machtverhältnissen in Europa scheiterte, so könne man sie mit Fug und Recht als "großartigen Akt" bewerten: "Das hat selbst die Sozialistische Internationale erkannt, die die Befürchtung aussprach, der Papst nehme ihr mit seiner Initiative quasi die Butter vom Brot, wenn Katholiken auf einmal zu Friedensaktivisten werden."
Neu zugängliche Quellen würden darüber hinaus ein genaues Bild der innervatikanischen Diskussionen rund um diese Initiative zeichnen, gab Wolf Einblick in sein eigenes Forschungsgebiet. So vertrat etwa der damalige Kardinalstaatssekretär Pietro Gasparri gegenüber dem Papst die Meinung, dass man sich seitens des Vatikans zwischen alle Stühle setze, wenn man allzu konkrete Vorschläge machen würde. "Der Papst setzte sich aber gegen Gasparri durch und schickte seinen besten Mann - Eugenio Pacelli, den späteren Papst Pius XII. - nach Deutschland, um die Friedensinitiative vorzutragen."
Auch wenn die Initiative schließlich scheiterte, so habe sie laut Wolf maßgeblich zur gesellschaftlichen und politischen Rehabilitierung der Kirche in der Öffentlichkeit beigetragen und die Kirche "von dem Geruch befreit hat, dass sie sich immer auf eine Seite schlägt und dann mit jeweils neuen Argumenten einen 'gerechten Krieg' rechtfertigt." Doch damit nicht genug: So sieht Wolf mit der Friedensinitiative den "Beginn einer kirchenpolitischen Linie, auf der die folgenden Päpste nun - letztlich bis hin zur Kritik Johannes Pauls II. am Irakkrieg - sehr zurückhaltend sind bei der Legitimation von Gewalt." Wolfs Fazit: "Vor diesem Hintergrund war also die Friedensinitiative - auch wenn sie gescheitert ist - ein wichtiges, ein starkes Signal mit Folgewirkung bis heute."
Quelle: Kathpress