
Salzburg: Gedenktafel-Streit spaltet Gemeinde
Im Streit um die Errichtung eines Gedenkorts für die Opfer eines SS-Sturms gegen Wehrmachtsdeserteure, bei dem im Salzburger Ort Goldegg vor 70 Jahren insgesamt 14 Menschen ermordet und mehr als 40 verhaftet wurden, hat die örtliche Pfarre nun eine Initiative zur Versöhnung gesetzt. Am Sonntag wurden in der Gemeinde im Salzburger Pongau zwei Kupfergedenktafeln am Friedhofsausgang angebracht, die an die Opfer des SS-Sturms und alle Opfer des NS-Regimes erinnern.
"Der wichtigste Satz steht am Schluss der beiden Tafeln", sagte Dechant Alois Dürlinger bei der Enthüllung und Segnung im Beisein Hunderter Goldegger, darunter auch einige Zeitzeugen. "Zur Erinnerung und Mahnung mit der Bitte um Versöhnung und Vergebung", heißt es am Ende der Gedenktafeln, deren Text der Pfarrgemeinderat einstimmig beschlossen und auch dem Gemeinderat vorgelegt hatte.
Dürlinger ermutigte bei der Segnung, keine Angst zu haben. "Durch die Geschichte ziehen sich Untiefen von Not, Gewalt und Vertreibung". Je nach Betroffenheit würden die Ereignisse von verschiedenen Blickpunkten bewertet. Die Geschichte müsse als Mahnung gesehen werden. "Wir sollten uns nicht zum Richter aufspielen, denn keiner weiß, wie er angesichts der Nöte in unseliger Zeit agiert hätte", sagte der Dechant. Es gehe heute um Versöhnung und Vergebung.
Gedenken spaltet Ort
Das Gedenken an die Terroraktion vom 2. Juli 1944 spaltet Goldegg bis heute: Auf der Jagd nach Wehrmachtsdeserteuren rund um den Goldegger Karl Rupitsch wurden auch einige Unbeteiligte von den Nazischergen getötet oder verhaftet und gefoltert. Deren Angehörige machen die Deserteursgruppe nach wie vor für das Schicksal ihrer Vorfahren verantwortlich. Als im Goldegger Schlosshof nun auf Initiative einer von Rupitschs Töchtern ein Gedenkstein mit den Namen der 14 Ermordeten angebracht werden sollte, trat brach der schwelende Konflikt auf: Die Gemeinde verweigerte die Errichtung und der Goldegger Pfarrer Dürlinger wollte mit Blick auf die Spannungen im Ort das Denkmal nicht segnen. Ende der Woche soll der Gedenkstein nun auf dem Gelände eines Erholungsheimes der Salzburger Gebietskrankenkasse in Goldegg enthüllt werden.
"Dass viele durch das brutale Vorgehen der Nazischergen in Mitleidenschaft gezogen wurden, ist eine Ursache für die bis heute so schmerzenden Wunden und die so unterschiedliche Sicht der Ereignisse von damals", berichtete Dechant Dürlinger in einem Gastbeitrag in der Zeitung "Der Standard" (Montag-Ausgabe), in dem er auf die Wurzeln des Konflikts eingeht und schildert, warum sich an der Person des Kriegsdienst-Verweigerers Karl Rupitsch "die Geister scheiden".
Die Täterschaft beim "Sturm auf Goldegg" habe eindeutig auf Seiten des NS-Regimes gelegen, die Deserteure seien Teil der Opfer. Und auch am Faktum des mutigen Widerstands gegen das Naziregime durch Rupitsch und die anderen Deserteure sei "nicht zu rütteln", betonte der Pfarrer. "Während viele Deserteure aber ihren Tod vortäuschten und sich versteckten, um ihre Angehörigen vor der grausamen Keule der Sippenhaftung durch das NS-Regime zu bewahren, gibt es in weiten Teilen der Goldegger Bevölkerung die Ansicht, dass Karl Rupitsch durch sein teilweise öffentliches Leben auch provoziert und so Menschen seiner Umgebung mit in Gefahr gebracht hat."
Er könne und wolle "darüber nicht urteilen", hielt der Goldegger Pfarrer fest. Sein seelsorgerischer Grundauftrag sei jedoch "die Menschen meiner mir anvertrauten Pfarren zusammenzuführen und nicht zuzusehen, wie sich Gräben vertiefen", so Dürlinger. "Eine Heilung vorbei an Vergebung gibt es genauso wenig, wie man Gräben in der kollektiven Erinnerung eines Ortes nicht dadurch überbrücken kann, indem man ein Denkmal errichtet, an dem sich die unterschiedlichen Sichtweisen auf die Katastrophe von damals (noch) nicht treffen können."
Im "Standard" äußerte Dechant Dürlinger auch sein Verständnis für die Tochter Rupitschs und ihr Anliegen um ein namentliches Andenken an den Vater. "Es gibt ein solches bereits im KZ Mauthausen - und ich habe ihr empfohlen, ein weiteres an geeignetem Ort zu errichten, weil im Tod kein Name erlischt und Menschen Orte der Trauer und des Gedenkens brauchen und die Verstorbenen diese auch verdienen."
Quelle: Kathpress