"Barmherzigkeit ist nicht alles"
Das hat es so in Rom so noch nicht gegeben: Ein Kardinal, der ein Buch vorstellt, dass sich offen gegen den Vorschlag eines anderen Kardinals wendet. "Das Evangelium der Familie in der synodalen Debatte jenseits des Vorschlags von Kardinal Kasper" lautete der italienische Titel des Werks, das am Freitag, zwei Tage vor Beginn der Weltbischofssynode, in der Lateran-Universität von Kardinal George Pell vorgestellt wurde. Darin kritisieren ein deutscher und ein spanischer Professor des "Päpstlichen Instituts Johannes Paul II. für Studien zu Ehe und Familie" das Plädoyer Kaspers für eine behutsame Änderung des kirchlichen Umgangs mit wiederverheirateten Geschiedenen. Der Andrang war ungewöhnlich groß: Rund 100 Journalisten und Interessierte waren gekommen.
Für Pell geht es an diesem Abend ums Eingemachte. Das Buch sei ein Beitrag zur Verteidigung der "christlich-katholischen, monogamen und unauflöslichen Ehe", sagt er. Manche erwarteten von der katholischen Kirche, dass sie "Rettungsboote" für jene auswerfe, die durch eine Scheidung Schiffbruch erlitten hätten. Doch: "Barmherzigkeit ist nicht alles", so Pell. Wenn die Unauflöslichkeit der Ehe infrage gestellt würde, wäre dies aus seiner Sicht "desaströs". Solle all das, was das Trienter Konzil, Johannes Paul II. und Benedikt XVI. über Familie gesagt haben, etwa "unnütz gewesen" sein? fragt er rhetorisch. Pell spricht höflich im Ton, aber kompromisslos in der Sache. Die Worte "Franziskus" und "Kasper" kommen in seiner vorbereiteten Stellungnahme nicht vor.
Ob denn da nicht ein Gegensatz zwischen ihm und dem Papst bestehe, der ja die Barmherzigkeit schließlich zu seinem Programm erklärt habe, will ein Journalist von Pell wissen. Der kontert: Er treffe den Papst alle zwei Wochen. Irritiert sei der noch nie gewesen, als er ihn gesehen habe. Franziskus wolle den freien Meinungsaustausch. Worüber die Synode nach Pells Willen vor allem sprechen sollte, das ist, das die Leute wieder mehr Kinder bekommen sollen. Der russische Präsident Wladimir Putin habe das schon erkannt habe, der Westen aber nicht, bemängelt er.
Pell ist nicht irgendein Kardinal: Der vormalige Erzbischof von Sydney hat einen direkten Draht zum Papst: Er gehört dem Kardinalsrat zur Kurienreform an, der Franziskus berät und ist Präfekt des vatikanischen Wirtschaftssekretariats. Kasper bekleidet zwar kein Amt an der Kurie mehr, gilt jedoch oft als "Theologie des Papstes". Franziskus hat ihn mehrfach öffentlich für seinen Vortrag über die Situation der Familie gelobt, den er auf seinen Wunsch im Februar vor den Kardinälen gehalten hatte. Darin hatte Kasper auch für eine Änderung der kirchlichen Umgangs mit wiederverheirateten Geschiedenen angeregt.
Das renommierte Institut Johannes Paul II. an der Lateran-Universität gilt als Hochburg der reinen katholischen Lehre. Dass unter den 16 Fachleuten, die der Papst zur Weltbischofssynode berufen hat, kein Vertreter des Instituts war, deuteten manche Beobachter daher als programmatische Entscheidung des Papstes. Der Organisator der Synode, Kardinal Lorenzo Baldisseri, erklärte hingegen, die Bischofskonferenzen hätten die Fachleute vorgeschlagen.
Seit Sonntag berät die Synode und zumindest ein Wunsch des Papstes hat sich schon vorher erfüllt: Es gibt eine offene Debatte.
In der deutschen Fassung des Buchs hat der Verlag zwar auf eine Nennung Kaspers im Titel verzichtet. Die verdeckte Spitze gegen den emeritierten deutschen Kurienkardinal ist dafür umso schärfer: "Das wahre Evangelium der Familie", heißt das Buch hierzulande schlicht. Eine Anspielung auf Kaspers Vortrag vor dem Kardinalskollegium: Er trug die Überschrift: "Das Evangelium von der Familie".
Und der Papst? Franziskus schweigt zu der Debatte. Oder doch nicht? Italienische Medien zumindest registrierten aufmerksam, was der Papst am vergangenen Samstag vor Jesuiten sagte: Ebenso wie das Schiff des Ordens im 18. Jahrhunderte gekentert sei, könne es heute auch dem Schiff Petri ergehen, so Franziskus mit Blick auf Verbot und Vertreibung der Jesuiten. Und vor der vatikanischen Gendarmerie warnte er kürzlich davor, dass das "Gerede" im Vatikan gefährlicher sei, als jede richtige Bombe. Fest steht nur: Seit Sonntag berät die Synode und zumindest ein Wunsch des Papstes hat sich schon vorher erfüllt: Es gibt eine offene Debatte.
Quelle: Kathpress