
Wider eine "Globalisierung der Gleichgültigkeit"
Liebe Gläubige!
Die Fastenzeit beginnt mit einer Frohbotschaft: Jesus verkündet das Evangelium, die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe (Mk1, 15). Evangelium ist ein Wort, das nicht bloß Mitteilung, sondern eine neue Wirklichkeit, ein heilendes Wort ist. Neues geschieht. Jesus sagt uns: Gott gibt es. Gott handelt jetzt. Er ist der Herr der Geschichte. Seine Herrschaft setzt sich durch. Er, der Herr, der lebendige Gott, zeigt sich jetzt.
Jesus sagt: Die Zeit ist erfüllt, das Reich Gottes ist nahe. Jesus macht eine Zusage. Dann folgt die Aufforderung: Kehrt um und glaubt an das Evangelium (Mk 1,15). Zuerst heißt es: Gott ist da! Dann heißt es: Wende Dich ihm zu. Mit Umkehr ist ja nicht gemeint, dass wir die Wege, die wir bisher gegangen sind, einfach zurückgehen. Zu dem zurückkehren, wo wir hergekommen sind. Umkehren heißt, sich auf Neues einlassen, einen neuen Dreh probieren, und gleichzeitig der Liebe Gottes trauen, die uns bisher begleitet hat und die wir vielleicht noch nicht wahrgenommen haben. Gott hat uns ja bisher immer begleitet, auch dann, wenn wir das nicht spüren konnten. Ihm waren und sind wir niemals gleichgültig.
Umkehren heißt die Zeit des Gottvergessens zu beenden, heißt, Gott an mir wirken lassen. Umkehren heißt zum Beispiel, dass wir uns nicht betäuben lassen von der „Kultur des Wohlstandes“, durch die manche die Ruhe verlieren, wenn der Markt etwas anbietet, was sie noch nicht gekauft haben (vgl. Papst Franziskus: Evangelii Gaudium 54).
Umkehren heißt: der „Globalisierung der Gleichgültigkeit“ als Christen entgegen treten. Diese zeigt sich, wo wir andere vergessen, Leiden nicht wahrnehmen und uns für die Ungerechtigkeiten nicht interessieren. Nützen wir deshalb die Fastenzeit als eine „Zeit der Herzensbildung“, wie Papst Franziskus in seiner Fastenbotschaft 2015 betont, in der er bittet, ein barmherziges Herz zu haben. Er schreibt: „Ein barmherziges Herz zu haben, bedeutet nicht ein kraftloses Herz zu haben. Wer barmherzig sein will, braucht ein starkes Herz, ein festes Herz, das für den Versucher verschlossen, für Gott aber offen ist. Ein Herz, das sich vom Heiligen Geist durchdringen und auf die Wege der Liebe führen lässt, die zu den Schwestern und Brüdern führen.“
Wege der Liebe finden wir, wenn wir segnen und vergeben. Das sind für mich zwei Grundaspekte des christlichen Lebens in der Welt von heute. Wenn ich jemanden segne, ist er mir nicht gleichgültig. Dann sage ich ihm, dass er mir wichtig ist. Dann möchte ich ihm etwas Gutes sagen. Das lateinische Wort dafür heißt „benedicere“, also ein gutheißendes Wort, ein wohlwollendes Wort sagen. Das ist mehr als eine Information. Damit schaffe ich eine Vermittlung von heil-schaffender Kraft. Segnen schenkt eine neue Lebensqualität. Segnen ist die Erfahrung, dass Gott mit uns ist.
Großeltern hatten bei der Hl. Messe ihr Enkelkind mitgenommen, das, weil es noch nicht bei der Erstkommunion war, ein Kreuz, also einen Segen auf die Stirn bekam. Als sie dann nach Hause kamen, fragte das Kind die Eltern: „Seht ihr etwas auf meiner Stirn?“ Sie sagten: „Was sollen wir sehen?“ Darauf sagte das Kind: „Ich habe den Segen bekommen“. Sieht man uns den Segen an? Das frage ich jetzt alle, die auch bei der
Austeilung des Aschenkreuzes waren. Wird man uns in der Fastenzeit ansehen, dass uns gesagt wurde: „Bekehre dich und glaub an das Evangelium“. Woran wird man erkennen, dass für uns Christen die Fastenzeit begonnen hat?
Bekehrung wird vor allem dann sichtbar, wenn wir ein Zeichen des christlichen Umgangs mit Schuld setzen. Verzeihen wir uns selbst, wenn wir unseren hohen Ansprüchen nicht genügen können. Lassen wir uns Vergebung schenken von Gott für alles Unreine, Unwahre, Ungute in uns und an uns. Mühen wir uns nach einer reuevollen Hinwendung zu Gott und unseren Mitmenschen um einen Neuanfang.
Vielleicht warten wir selbst, oder manche Menschen in unserer Umgebung noch auf ein Wort der Vergebung. Auf Vergebung ist man einerseits angewiesen, andererseits muss man sie auch gewähren. „Vergebung ist eine Dynamik der Kommunikation – eine Kommunikation, die sich verschleißt, die zerbricht und die man wieder aufnehmen und wachsen lassen kann, indem man um Vergebung bittet und diese gewährt“ schreibt Papst Franziskus. Er sieht die Familie, in der man – „mit eigenen Grenzen und Fehlern - einander gern hat“ als eine „Schule der Vergebung“ (vgl. Botschaft des Heiligen Vaters Papst Franziskus zum 49.Welttag der sozialen Kommunikationsmittel).
Freilich gibt es auch Lebenssituationen, in denen Menschen sehr darunter leiden, dass ihnen nicht vergeben wird. Ihnen möchte ich sagen: Sprechen Sie dem, der Ihnen dies zumutet, den Segen zu und bitten wir miteinander um die Gnade der Vergebung und des inneren Friedens. Möge die kommende Fastenzeit eine gute Möglichkeit sein, dies neu zu beginnen.
Gerade im Zugehen auf Ostern sehen wir, wie weit Gott in seiner Liebe zu den Menschen geht und letztlich nicht müde wird zu verzeihen. Ich wünsche mir, dass man uns als Christen und Christinnen in der Fastenzeit jetzt daran erkennt, dass wir segnen und vergeben, „segnen statt fluchen, besuchen statt abweisen, aufnehmen statt bekämpfen“, um die „Spirale des Bösen zu durchbrechen, um Zeugnis zu geben, dass das Gute immer möglich ist“ (vgl. Botschaft des Heiligen Vaters Papst Franziskus zum 49.Welttag der sozialen Kommunikationsmittel).
An uns Christen soll man erkennen, dass das Evangelium als unser Lebensprogramm heute Gott nahe sein lässt. Wenn wir uns in dieser Fastenzeit in die Schule des Lebens begeben, segnen und vergeben, dann werden wir das Kreuzzeichen bei der Tauferneuerung in der Osternacht in guter Verbundenheit mit dem Auferstandenen setzen. Auf dem Weg dorthin können wir unsere Berufung zum Heiligsein, die uns allen mit der Taufe zugesagt ist, glaubwürdig und freudvoll leben.
Gesegnete Tage der österlichen Bußzeit
Ihr
Dr. Alois Schwarz
Diözesanbischof