
Keine Heimat, nirgendwo
Schüchtern sitzt er da, den Blick gesenkt. Er spricht langsam, die Sätze kommen nur zögerlich, häufig ringt er um Worte. Nurullah ist 17, vor sieben Monaten ist er aus Afghanistan nach Österreich geflohen. Über die Umstände seiner Flucht will er nicht sprechen, verschämt blickt er zur Seite. Lieber spricht er über seine Zukunft. Die sieht er einzig in Österreich, ein anderes Zuhause hat er nicht mehr. „Ich bin sehr gerne hier. Als erstes mache ich nun meinen Hauptschulabschluss, dann möchte ich eine Mechanikerlehre machen“, sagt er.
Nurullah ist einer von fünfzehn „unbegleiteten jugendlichen Asylwerbern“ – so der offizielle Titel – aus Afghanistan, Somalia, Algerien, Gambia, Guinea und dem Irak, die derzeit im Jugendwohnheim „Abraham“ des Don Bosco-Flüchtlingswerks untergebracht sind. Seit mittlerweile fünf Jahren nimmt die Einrichtung am südlichen Rand von Wien Jugendliche aus dem nahen Erstaufnahmezentrum in Traiskirchen auf und versucht ihnen zu bieten, was viele von ihnen mit ihrer Flucht wohl für immer eingebüßt haben: Heimat. 110 Jugendliche aus 21 Ländern haben so bislang ein zeitliches befristetes neues Zuhause bekommen. Österreichweit stehen derzeit rund 170 solcher Plätze in Wohnheimen von Caritas, Diakonie, Volkshilfe, dem Verein SOS-Menschenrechte, dem Verein Zeitraum sowie dem Don Bosco-Flüchtlingswerk zur Verfügung – der Bedarf wäre freilich viel höher.
„Bei uns lernen die Jugendlichen von Beginn an, auf eigenen Beinen zu stehen, sich selbst zu organisieren, aber auch, sich zu integrieren“, erklärt Margit Pollheimer, Geschäftsführerin des Don Bosco-Flüchtlingswerks. Wer das in einer alten Volksschule untergebrachte Wohnheim in dem schlichten Wohnbezirk in Inzersdorf besucht, muss die Klischees an der Türe abgeben: Müßiggang, Drogen, gar Gewalt unter Asylwerbern? Fehlanzeige. „Der Tagesablauf für die Burschen ist recht streng. Morgens Schule oder Sprachkurse, mittags Kochen, nachmittags Lerngruppen, abends meistens Sport“, erläutert Pollheimer.
Derzeit packen die Burschen kräftig mit bei der Renovierung ihrer drei Wohneinheiten an. Überall im Haus stehen Farbeimer, Leitern, der Aufenthaltsraum im Keller ist zum Lagerraum umfunktioniert worden. Untergebracht sind die Burschen in 3er- und 4er-Wohngemeinschaften mit eigener kleiner Küche und Bad. Einkaufen, Kochen, Putzen – alles liegt in ihrer Verantwortung. Begleitet werden sie dabei von einem fünfköpfigen Team an Sozialpädagogen, die rund um die Uhr für sie da sind, gemeinsame Ausflüge organisieren und sich um die laufenden Asylverfahren kümmern. „Es ist toll, was die Don Boscos für uns tun“, bringt es der 16-jährige Monir – ebenfalls ein Afghane – auf den Punkt. Er ist bereits seit elf Monaten in Österreich, hat die ersten Monate in Traiskirchen verbracht. Mittlerweile spricht er fließend deutsch. Auch er will in Österreich bleiben, wo soll er auch hin – mit seiner Familie hat auch er seit seiner Flucht keinen Kontakt mehr.
Die Chancen, dass es für die Burschen eine Zukunft in Österreich geben wird, stehen gut. Vermutlich werden sie aufgrund der politischen Situation in Afghanistan den Status von „subsidiär Schutzberechtigten“ erhalten und somit eine Aufenthaltsgenehmigung als Flüchtlinge bekommen, die ihnen auch ermöglicht, einer regulären Arbeit oder – zunächst einmal – einer Ausbildung nachzugehen.
Ende September konnte das Jugendwohnheim mit einem großen zweitägigen Fest sein fünfjähriges Bestehen feiern. Der Wiener Bischofsvikar Karl Rühringer feierte einen Gottesdienst, die nebenan untergebrachte Koranische Gemeinde feierte ebenso mit wie die Pfarre Inzersdorf-Neustift und das Jugendzentrum „Come in“. „Es ist wichtig für die Jugendlichen, auch einmal zu Feiern und ausgelassen zu sein und nicht immer an ihren Status als Flüchtlinge erinnert zu werden“, so Pollheimer. Das Klima im Blick auf Asylwerber und Migranten werde zwar zunehmend rauer, immer wieder gebe es aber Lichtblicke wie etwa zuletzt beim Projekt „72 Stunden ohne Kompromiss“ der Katholischen Jugend. „Alle haben mit angepackt, den Garten saniert, ein Hochbeet gebaut“. Das sei ein gelungenes Zeichen der Solidarität gewesen.
Dennoch blickt Margit Pollheimer sorgenvoll in die Zukunft. Leider sei der Tagsatz, den das Wohnheim vom „Fonds Soziales Wien“ für die Betreuung der Jugendlichen erhält, nicht indexangepasst. „Trotz steigender Lebensmittel- und Lohnpreise erhalten wir seit fünf Jahren die gleiche Summe“. Dadurch sei das Jugendwohnheim mittlerweile „in seiner Existenz stark gefährdet und wir wissen nicht, ob wir im nächsten Jahr auch noch einen 6. Geburtstag feiern können“. Dringend gesucht werden daher Spender oder Sponsoren. Ansonsten droht Monir, Nurullah und den anderen die Delogierung, im schlimmsten Fall die Rückkehr nach Traiskirchen. Das jedoch, so Pollheimer, würde einen schweren Rückschlag für die Integration und einen schweren Schlag für die von Flucht und Gewalt gezeichneten Seelen der Burschen bedeuten.
Weitere Informationen im Internet: www.fluechtlingswerk.at