Wiener Dialogzentrum: US-Theologe begrüßt Initiative
Dialog-Experte Swidler im "Kathpress"-Gespräch über eine saudi-arabische "Revolution von unten" und den Eintritt in ein "Zeitalter des Dialogs"
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Wien, 19.10.11 (KAP) Rückendeckung für das unlängst in Wien gegründete interreligiöse "King Abdullah"-Dialogzentrum kommt nun von Übersee: So beurteilt der US-amerikanische Theologe und Dialog-Experte Prof. Leonard Swidler das Projekt durchwegs positiv, da es für die Einsicht des saudi-arabischen Königs Abdullah steht, dass ein Dialog der Religionen unerlässlich für den Frieden und das Wohl der Menschheit sei, erklärte Swidler im "Kathpress"-Gespräch. "Wenn man die Hand zum Dialog gereicht bekommt, nimmt man sie an - denn was wäre die Alternative?" Ein Dialogzentrum könne einen "Multiplikator-Effekt" haben, indem es Menschen im Dialog zusammenführt, die wiederum in ihren Ländern von positiven Erfahrungen des Dialogs berichten und ihn weiterführen könnten.
Bei aller Kritik am Wiener Dialogzentrum müsse man bedenken, dass sich der Islam seit "09/11" stark bewegt bzw. für den Dialog geöffnet hat, so Swidler. In Saudi-Arabien versuche König Abdullah derzeit, "das ganze Land in den Dialog zu ziehen" - was angesichts einer großen Zahl an konservativen religiösen Kräften nicht leicht sei. Ein Anzeichen für den Wandel sei etwa die vom König finanzierte "Revolution von unten" in Form eines massiven Ausbaus der Bildungsangebote für Frauen. Auch würden immer mehr Professoren von saudi-arabischen Universitäten - Männer wie Frauen - an sein "Dialogue Institute" kommen, um sich in Fragen der Dialogführung schulen zu lassen, berichtete Swidler.
Insgesamt sieht Swidler keine Alternative zu einem aufrichtigen Dialog der Religionen: "Wir müssen den Dialog auf allen Ebenen suchen - ansonsten bleiben wir auf einem Auge blind." Religionen müssten dabei "Vorreiter des Dialogs sein" - denn wenn man allein schon Christen und Muslime "an einen Tisch" bringe, dann würde man bereits "mit der Hälfte der Weltbevölkerung über ein friedliches Zusammenleben sprechen" können, so Swidler.
Dabei gelte es vor allem, den Dialog in einer größtmöglichen Offenheit zu führen - d. h. es gehe dabei nicht wie etwa in Diskursen darum, Argumentationen zu führen und andere zu überzeugen, sondern darum, vom jeweils anderen zu lernen. "All unsere Überzeugungen und Positionen sind relativ, sie sind nur eine Seite einer Medaille - und nur im Dialog kann ich mir auch die je andere Seite aneignen", sagte Swidler der "Kathpress".
Anzeichen für einen solchen Übergang aus einem "Zeitalter des Monologs" in ein "Zeitalter des Dialogs" sind laut Swidler innerkirchlich die Aufbrüche in der Folge des Zweiten Vatikanischen Konzils, auf politischer Ebene die dialogischen Annäherungen von Ost und West nach der "Wende" 1989 und schließlich interreligiös die Aufbrüche nach den Anschlägen von New York und Washington am 11. September 2001.
Dass dieses Dialog-Konzept einen radikalen Kern besitzt, wird spätestens dann deutlich, wenn Swidler Dialog und kirchliches Lehramt bzw. Dogma gegenüberstellt. Dogmen seien schließlich historisch gewachsen und müssten ihren wahren Kern immer wieder neu im Dialog erweisen, so Swidler. Wenn er etwa mit Theologen über Dogmen und das Lehramt diskutiere, stelle er stets drei Fragen: "Was genau meinen Sie damit?", "Woher wissen wir das eigentlich so genau?" und "Wohin wird das führen?" Diese Fragen würden Quasi-Gewissheiten in theologischen Fragen oftmals aushebeln und aufzeigen helfen, dass Wahrheiten "nie objektiv vorliegen, sondern immer Interpretationen sind - denn nur Gott ist 'objektiv'. Wir Menschen müssen sehr bescheiden sprechen."
In den Chor der Papst-Kritiker im Blick auf den ökumenischen Dialog wollte Swidler in diesem Zusammenhang übrigens nicht einstimmen: Schließlich habe er Joseph Ratzinger in einer gemeinsamen Zeit an der Universität Tübingen in den 1960er Jahren kennengelernt - "und auch wenn Ratzinger ein Trauma durch die Studentenrevolten davongetragen hat, so bin ich überzeugt, dass er Funken dialogischer Offenheit für die Welt und die Ökumene bewahrt hat", erklärte Swidler gegenüber "Kathpress". Entsprechend blicke er erwartungsfroh auf das kommende Weltfriedenstreffen am 27. Oktober in Assisi, wo er sich wichtige Dialog-Impulse von Benedikt XVI. erhofft.
Swidler besuchte die heimische Bundeshauptstadt anlässlich des "dies facultatis" an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Uni Wien. Im Rahmen dieses Fakultätstages referierte er am Montag als Festredner zum Thema "Humankind: From the Age of Monologue to the Age of Dialogue". Swidler lehrt an der Temple University in Philadelphia/USA und ist Präsident des "Dialogue Institute", dass sich der Erforschung und Förderung jeder Form von Dialogform - sei es interreligiös oder interkulturelle - verschrieben hat.