Bischof Kapellari: Einheit der Kirche ist in Gefahr
Grazer Bischof kritisiert in Fastenhirtenbrief Versuch der "Pfarrerinitiative" und anderer Reformgruppen, "eigenmächtig das Steuerrad des Schiffes Kirche ergreifen zu wollen"
Image (img2) invalid or missing |
|
Graz, 14.03.2012 (KAP) Der Grazer Bischof Egon Kapellari hat die "Pfarrerinitiative" und andere Reformgruppierungen gewarnt, die Einheit der Kirche aufs Spiel zu setzen. "Ich will alles mir Mögliche tun, damit Katholiken, die auf Veränderungen drängen, im Boot, im großen Schiff der Diözese und der Weltkirche verbleiben können", schreibt Kapellari in einem am Mittwoch im steirischen "Sonntagsblatt" veröffentlichten Hirtenbrief zur Fastenzeit. Es müsse aber auch "ein klares Nein gesagt werden", wenn Vertreter der "Pfarrerinitiative" oder anderen Initiativen "in der Überzeugung, dafür eine historische Sendung zu haben, eigenmächtig das Steuerrad dieses Schiffes Kirche ergreifen wollen".
Wörtlich betont der Bischof weiter: "Das führt zur Spaltung oder ist schon Spaltung, auch wenn man es in einer weit verbreiteten öffentlichen Meinung anders sieht. Hier droht ein Weg in eine Sackgasse, auf dem schließlich alle nur Verlierer wären." Er hoffe daher, "dass in der Diskussion darüber allseits auf Polemik verzichtet werden wird". Die Bischöfe hätten zur Vorgangsweise der Initiativen klar ablehnend Stellung genommen und zugleich das Gespräch mit deren Verantwortlichen begonnen. Er hoffe daher, dass diese "vom Gashebel heruntersteigen" und "im Boot der Kirche bleiben".
Keine Eucharistiefeier ohne Priester
Wenn das Gegenteil der Fall wäre, "dann bin ich als Bischof entsprechend meinem Gewissen und meiner schwerwiegenden Verantwortung für die Einheit und Wahrheit der Kirche verpflichtet, dazu ein klares Wort zu sagen", so der Grazer Bischof. Zu Forderungen aus dem Kreis von Laieninitiativen nach einer Eucharistiefeier ohne Priester stellt Kapellari - er ist auch Stellvertretender Vorsitzender der Österreichischen Bischofskonferenz - in dem Zusammenhang klar, dies laufe auf einen "offenen Bruch mit dem Kern der verbindlichen katholischen Lehre über die Kirche und ihre Sakramente" hinaus.
Zugleich nimmt Bischof Kapellari zu den sogenannten "heißen Eisen" - Kommunion für wiederverheiratete Geschiedene, Abschaffung der Zölibatspflicht und Priesterweihe für Frauen - Stellung. Entsprechende Reformen verlangte auch die "Pfarrerinitiative" in ihrem "Aufruf zum Ungehorsam" und später durch einen "Protest für eine glaubwürdige Kirche" mit einem fünffachen "Nein" zu den jetzigen Regelungen.
"Katholische Identität gefährdet"
Solche Veränderungen der Kirchenstruktur würden "massiv in die Verfassung der Kirche eingreifen und die katholische Identität schwerwiegend gefährden", hebt der Grazer Bischof hervor. Viele Katholiken würden die Gründe für das Festhalten der Kirche an den bisherigen Regeln "nur zu einem geringen Teil kennen", sie urteilten darüber "vor allem entsprechend den Kriterien der heutigen Zivilgesellschaft". "Wir werden uns daher bald noch viel mehr bemühen müssen, die Gründe für die jetzigen Regelungen öffentlich und ausführlich bekannter zu machen", so Kapellari.
Zum Umgang mit geschiedenen und zivil wiederverheirateten Katholiken unterstreicht der Bischof, sie seien "in der Kirche weder Fremde noch rechtlos". Dass ihnen der "Empfang der Kommunion nicht generell ermöglicht werden kann" liege daran, dass ihre sakramental geschlossene Ehe weiterhin besteht und dass das Gebot Jesu Christi betreffend die Unauflöslichkeit dieser Ehe von der Kirche "ohne Wenn und Aber angenommen wird". Gleichzeitig sei "wohl jeder von uns im Kreis von Verwandten und Freunde von solchen Schicksalen mitfühlend betroffen". Es sei daher geboten, "dass wir uns diesen Menschen pastoral sehr einfühlsam zuwenden und ihnen helfen, wirklich Heimat in der Kirche zu haben. Dann kann man Wunden heilen, allfällige Schuld erkennen und mit Narben leben".
Keine Diskriminierung der Frauen
Weiter weist Bischof Kapellari das Argument zurück, dass das Nein zur Priesterweihe für Frauen eine Diskriminierung darstelle. Die katholische Kirche halte so wie die anderen christlichen Kirchen - ausgenommen Protestanten und Anglikaner - daran fest, "dass sie von Christus her nicht die Vollmacht hat, Frauen das Weihesakrament zu spenden". In der heutigen öffentlichen Meinung erscheine dies vielen Menschen und vor allem Frauen als Diskriminierung, "zumal Frauen von jeher die Kirche in besonderem Maß getragen haben und besonders auch heute tragen", so der Bischof. Nicht jede Unterscheidung sei aber schon eine Diskriminierung, und "die vom Christentum selbstverständlich gelehrte Gleichheit der Würde aller Menschen - ob Mann oder Frau - muss nicht immer zu einer Gleichheit der Aufgaben, der Funktionen führen".
Die katholische Kirche sei davon überzeugt, dass die Priesterweihe einem Mann nicht nur eine neue Funktion zuweist, sondern ihn sakramental prägt, damit er Christus in der Liturgie darstellt. "Dagegen gibt es heute viel Widerstand auch bei vielen Katholiken. Das ist epochal verständlich und es muss auch deutlich gesagt werden, dass Priester und Männer überhaupt in der Kirche nie als bessere Christen gegenüber Frauen gegolten haben. Die große Zahl der von der Kirche heilig oder selig gesprochenen Frauen bestätigt dies eindrucksvoll", stellt Kapellari fest. Zudem seien in den letzten Jahren in der Kirche an Frauen zunehmend mehr Leitungsaufgaben übertragen worden, die nicht an die Priesterweihe gebunden sind, und das werde auch in Zukunft so sein.
Mit Vorhandenem "beweglicher umgehen"
Von der heute häufig gestellten Forderung nach einem Ende der Zölibatspflicht für römisch-katholische Priester werde eine Überwindung des Priestermangel erwartet, so der Grazer Bischof. Er rede das "komplexe Problem des Priestermangels gewiss nicht klein", halte aber die präsentierten Änderungsvorschläge für nicht praktikabel. Die Seelsorge in der Steiermark werde in Zukunft "gewiss noch mehr als bisher nicht nur Priestern aufgetragen sein", sondern auch den ständigen Diakonen, den Pastoralassistentinnen und Pastoralassistenten sowie vielen anderen Laienchristen und Ehrenamtlichen. Das schon heute "ziemlich dichte Netz der kirchlichen Dienste" könne "nicht noch engmaschiger werden, sondern wir müssen damit beweglicher umgehen", so der Bischof.
Die Leitung der Diözese wolle mit dieser Situation "sehr einfühlsam und in Kooperation mit den Verantwortlichen in den einzelnen Orten und Regionen umgehen. Wir sind dabei allseits noch Lernende und machen auch Fehler. Angesichts der Gesamtsituation brauchen wir aber nicht mutlos werden", unterstreicht Kapellari. Nicht nur die Kirche müsse heute ihre Ressourcen teilweise neu ordnen.
"Keiner ist eine Insel", zitiert der Bischof den Mönch und geistlichen Meister Thomas Merton. "Die Wahrheit dieses Wortes wird für unsere Pfarren in Zukunft noch wichtiger werden", so Kapellari. Er betont gleichzeitig: "Die oft beschworenen Schreckensbilder des sogenannten 'Blaulichtpriesters' und des unerträglich riesigen Pfarrverbandes werden gewiss nicht Wirklichkeit werden, wenn wir alle beweglicher und kooperationsbereiter werden und ein starres Besitzdenken überwinden. In vielen Diözesen unserer Weltkirche ist man negativ erstaunt über die hierzulande so weit verbreitete Unzufriedenheit und den Mangel an gläubiger Spontaneität." Diese Spontaneität sei nicht planbar und könne nicht befohlen werden, sie sei "eine Frucht der Umkehr".
Kirche ist nicht starr
Bischof Kapellari bedauert, dass sich innerhalb und außerhalb der katholischen Kirche in Österreich bei vielen Menschen die Meinung verfestigt habe, die Kirche sei "zu starr, als dass sie den Herausforderungen und Chancen in den Umbrüchen der ganzen Gesellschaft wirksam begegnen könnte". Die Kirche sei immer in Bewegung und seit dem II. Vatikanischen Konzil vor 50 Jahren habe sie sich mehr bewegt als viele andere religiöse Gemeinschaften. "Sie ist im Ganzen sehr bunt und trotz aller Schwächen in vieler Hinsicht auch stark. Sie hat unzählige Lebenskeime in sich und ist eine große Kraft zur Barmherzigkeit weit über ihre Grenzen hinaus", konstatiert Kapellari weiter.
Zur Missbrauchskrise schreibt der Bischof, "dass die Verletzung von Menschen, zumal von jungen Menschen durch sexuellen und anderen Missbrauch seitens einiger kirchlicher Verantwortlicher eine tiefe Wunde und Schande ist. Wir haben uns dieser bitteren Schuld offen gestellt. Ihre Aufarbeitung ist uns bleibend aufgegeben".
Anker für eine Gesellschaft im Umbruch
Die großen Umbrüche in Europa sowohl in der Zivilgesellschaft wie in der Kirche verursachten Unsicherheit und manchmal auch Depression oder Aggression. Die christliche Glaube könne hier ein Anker sein. Der Zivilgesellschaft in Europa sei die Bewältigung einer Finanzkrise aufgegeben und darüber hinaus der Abbau riesiger finanzieller Schulden, die sonst zukünftigen Generationen aufgeladen sein werden. Auch bedrohe der geringe Anteil junger Menschen an der Bevölkerung das Gleichgewicht in der Gesellschaft vieler Länder. Und der in Europa zunehmend präsente Islam stelle sich selbst, aber auch der Zivilgesellschaft im Ganzen und auch den christlichen Gemeinschaften "große Fragen, mit denen man allseits ehrlich umgehen müsste", schreibt der Bischof.
Die christlichen Kirchen täten in Europa besonders viel für ein friedliches Miteinander im Verhältnis zum vielgestaltigen Islam, das freilich nur dann tragfähig sei, wenn es auf Gegenseitigkeit beruht. "Laue und des eigenen Glaubens müde gewordene Christen sind dabei aber wenig hilfreich. Sie verstärken eher Tendenzen zur Preisgabe von Vielem, das Europa trotz seiner auch von Christen begangenen Fehler und Sünden groß gemacht hat", warnt Kapellari.
Gleichzeitig erinnert der Grazer Bischof an den "Kern der Kirche": Dies seien Menschen, "die Gott und die Menschen wirklich lieben, die inständig beten, die treu den Gottesdienst mitfeiern und die über den christlichen Glauben so Bescheid wissen, dass sie imstande sind, Nichtglaubenden und Andersglaubenden auf einladende Weise Auskunft über diesen Glauben zu geben." Dabei gelte es alle Getauften im Blick zu haben: Im Auftrag Christi "müssen wir eine einladende, eine rufende und eine nachgehende Kirche sein und bleiben. Darum bemühen sich weltweit täglich unzählige Katholiken."