
Schönborn: Corona-Krise mit Wissen und Glauben meistern
Die Ergebnisse der Wissenschaft in der Corona-Krise "gegen den Glauben auszuspielen, ist einfach ein Unsinn". Das hat Kardinal Christoph Schönborn in einem "Kurier"-Interview am Karfreitag betont. Darin hatte Rudolf Mitlöhner den Wiener Erzbischof auf die Aussage des deutschen Theologen Magnus Striet angesprochen, wonach eine Pandemie durch die Medizin und durch medizinischen Fortschritt bekämpft werde, aber nicht durch ein Bittgebet wie jenes, das Papst Franziskus vor einem Pestkreuz in Rom formulierte; dies gehöre zu einem "vormodernen Weltbild". Dazu Schönborn: Glaube im Widerspruch zum Wissen zu betrachten sei ein Relikt des 19. Jahrhunderts. Es brauche beides, um die gegenwärtige Krise zu meistern.
"Natürlich warten und hoffen wir alle auf Ergebnisse der Forschung zur Eindämmung des Coronavirus", erklärte der Kardinal. "Und natürlich sind wir dankbar, dass es diese Forschung gibt." Gott habe den Menschen mit Verstand und Willen ausgestattet, um Verantwortung zu übernehmen. Dies sei auch in der Pestzeit - wenn auch mit einem viel geringeren Wissen als heute - durch strenge Quarantänemaßnahmen geschehen, erinnerte Schönborn. Heute seien die Möglichkeiten der medizinischen Forschung ungleich größer.
Das mache einen vom Glauben geprägten Zugang aber nicht obsolet, stellte der Wiener Erzbischof klar. "Wenn jemand erkrankt, sucht man selbstverständlich den Arzt auf - aber man macht sich auch menschlich Sorgen und stellt sich die Frage, was denn da passiert." Und in einer solchen Situation sei der Glaube "die stärkste Ressource zur Sinnfindung und zum Durchstehen", ist Schönborn überzeugt. "Woher nehmen wir die Hoffnung? Die kommt nicht von den Zukunftsforschern."
Krisenzeiten sind nach den Worten Schönborns immer dazu angetan, sich darauf zu besinnen, worauf es ankommt. Das bisherige "ganz normale Leben" habe sich durch Covid-19 völlig verändert, sei für manche zusammengebrochen. "Das gilt auch für das religiöse Leben." Es sei für ihn "unfassbar" gewesen, den Palmsonntag im leeren Dom und ohne Chor oder Prozession zu feiern. Zugleich hätten an diesem Hochamt 1,8 Millionen vor TV-Bildschirmen in Österreich und Deutschland teilgenommen. "Das hat diesem Gottesdienst dann eine Dichte gegeben, wie es sie sonst nicht gibt. Und das wird auch für die bevorstehenden Liturgien an den Kar- und Ostertagen gelten."
Jesus auch in kleiner Besetzung "mitten unter uns"
Zur Kritik, die Kirche habe sich den staatlichen Anordnungen allzu schnell gefügt und halte die Gotteshäuser anders als in früheren Notzeiten geschlossen, sagte der Kardinal wörtlich:
Erstens sind die Kirchen nicht geschlossen. Sie stehen offen für das persönliche Gebet. Zweitens aber: Die staatlichen Maßnahmen sind keine Willkürmaßnahmen, sondern haben mit konkreter Nächstenliebe zu tun.
Die jetzt geltenden Ausgangs- und Versammlungsbeschränkungen seien der sicherste Weg, die Pandemie möglichst bald zu beenden. Den Kritikern rief Schönborn das bekannte Jesuswort in Erinnerung: "Wo zwei oder drei in meinem Namen versammelt sind, da bin ich mitten unter ihnen."
Den Verlust von Ansehen und Einfluss, den die Kirche auch jenseits der Corona-Krise erleide, erklärte der Vorsitzende der Bischofskonferenz mit dem generell starken Imageverlust der Institutionen - "das ist ein Zug der Zeit". In Krisenzeiten würden Institutionen aber wieder wichtiger, wie sich derzeit etwa an der Bedeutung der Sozialpartnerschaft für den Zusammenhalt der Gesellschaft zeige. Viele Menschen würden auch spüren, "dass es gut ist, dass wir dieses Netzwerk von 3.000 Pfarren in Österreich haben, in denen sehr viel konkrete, praktische Solidarität gelebt wird."
"Gott lässt die Kirche und die Welt nicht hängen"
Angesprochen auf seine in wenigen Tagen 100-jährige Mutter Eleonore Schönborn, die sich anlässlich des letzten Konklaves 2013 sehr skeptisch über eine etwaige Wahl ihres Sohne äußerte ("Das wäre nichts für meinen Buben"), befand der Kardinal: "Ich glaube, sie hatte völlig recht." Er sei sehr dankbar über Papst Franziskus, "er ist der richtige Mann zur richtigen Zeit". Und Schönborn zeigte sich "zuversichtlich, dass das auch in Zukunft so sein wird. Dass Gott die Kirche nicht hängen lässt und auch die Welt nicht. Das ist letztlich der Kern der Osterbotschaft."
Quelle: kathpress