
Theologen: Corona-Pandemie macht Kirche und Gläubige erfinderisch
Für die Gläubige ist die Corona-Pandemie eine Chance, ihre Spiritualität neu zu entdecken, und für die Pfarren, neue Arten der Kommunikation zu entwickeln. Zu diesem Fazit kommen der Pastoralamtsleiter der Erzdiözese Wien, Markus Beranek, und Lucia Greiner, Seelsorgeamtsleiterin der Erzdiözese Salzburg, im Gespräch mit Kathpress. Pfarren und Seelsorger mussten aufgrund der Corona-Maßnahmen innerhalb weniger Wochen lernen, sich via sozialer Medien und ohne öffentliche Gottesdienste mit ihren Gemeinden auszutauschen. Diese Not habe erfinderisch gemacht, meinten die beiden Theologen: Mittlerweile reicht das kirchliche Angebot von Live-Streaming-Gottesdiensten über ein "Ausmal-Evangelium" bis zu einer Pfarre, die das Osterevangelium vom Kirchturm mit Lautsprecher verkündete.
Als "best practice"-Beispiele nannte Beranek auch die Wiener Pfarre Franz von Sales, die neben einer "Grätzl"-Hilfe für Alltägliches wie Einkaufen auch zum täglichen Mittagsgebet inklusive Glockenläuten und Gebetsvorschlag einlädt (www.franzvonsales.at/corona-pandemie). Die Pfarre Breitenfeld unterstützt wiederum speziell Kinder und Familien mit Online-Kinderliturgien und stellt dazu Videos und Materialien zum Mitmachen bereit (www.breitenfeld.info/kinderkirche).
Andere Pfarrer würden viel Zeit am Telefon verbringen, Menschen anrufen, die "sie sonst regelmäßig besuchen oder denen sie unter normalen Umständen die Krankenkommunion reichen würden", erläuterte Beranek.
Weitgehend nützten die Pfarren vor allem Videobotschaften, Online-Gottesdienste oder praktische Hilfsangebote. Nachsatz von Beranek: "Wobei die Nutzung der neuen Medien hier noch Potenzial nach oben hat."
Aufruf zum gemeinsamen Priestertum
Die Grundherausforderung bestehe darin, "Seelsorge und Kirche nicht zu zentriert auf Priester und Hauptamtliche" zu denken, betonte Beranek in Hinblick auf die Streaming-Gottesdienste, bei denen Priester mit einer Gruppe von vier ausgewählten Personen Messe feiern. Auch Gläubige seien aufgefordert, das "gemeinsame Priestertum zu leben", solange öffentliche Gottesdienste nicht möglich seien. Sei es durch virtuelle Gebetsgruppen, das Feiern von Gottesdiensten oder das "Anzünden einer Kerze".
Überfordern solle der Aufruf, als Christ selbst aktiv zu werden, aber niemanden, stellte Beranek klar. Spezielle ältere Gläubige aber auch Priester seien im Bereich der neuen Medien "nicht zu Hause oder verunsichert und tun sich schwer unter Zeitdruck konkrete Initiativen zu setzen". Diese Gruppe nutze eher TV- und Radio-Gottesdienste oder freue sich über regelmäßige Anrufe.
Eine Hilfestellung für Gläubige aber auch Pfarrgemeinden setzte die Erzdiözese Wien bereits vor Ostern mit der Website www.netzwerk-gottesdienst.at. Dort stehen kostenlose Ideen und Materialien zur Verfügung, die auf TV-Gottesdienste, Feiern in der Familie oder für eine Person abgestimmt sind. Beranek bezeichnete dies als eine Art "Handwerkszeug, damit man unter den aktuellen Voraussetzungen leben und seinen Glauben teilen kann". Die Website konnte mittlerweile über 120.000 Klicks verzeichnen.
Sehnsucht nach öffentlichen Gottendiensten
Trotz aller Angebote bemerke Beranek aber eine "Sehnsucht und wachsende Ungeduld" nach öffentlichen Gottesdiensten in Kirchen. Für manche Gläubige sei es "nicht logisch, dass "Baumärkte offen haben, Kirchen aber nicht". Für den Priester und Pastoralamtsleiter stehen Gesundheit und Sicherheit jedoch vor einer "voreiligen Öffnung aller Kirchen", denn die Frage nach einem "verantwortungsvollem Hochfahren des kirchlichen Lebens" müsse erst geklärt werden.
Corona verstärkt Einsamkeit
Großes Thema sei nach über einem Monat Covid-19 bedingter Einschränkungen vor allem die zunehmende Einsamkeit der Menschen, warnte Lucia Greiner im Gespräch mit Kathpress. In der Erzdiözese Salzburg würden deswegen einige Pastoralassistenten sogenannte "Haustür-Gespräche" führen. "Es ist eine kreative Form Menschen zu besuchen, Interesse zu zeigen und gleichzeitig den Sicherheitsabstand einzuhalten, indem man vor der Haustüre, dem Fenster oder im Vorgarten stehen bleibt und miteinander redet", erklärte Greiner.
Die Corona-Krise führe aber auch zu kreativen und humorvollen Lösungen, meinte die Seelsorgeamtsleiterin. So habe ein Seniorenheimseelsorger die Gottesdienste schlicht von der Kapelle in den grünen Innenhof eines Altersheims verlegt: Die Senioren könnten vom Balkon aus mitfeiern und Lautsprecher würden den Gottesdienst übertragen.
Angst, dass nach der Corona-Krise die Kirchen weiterhin leer sein werden, hat Greiner nicht. Sobald Menschenansammlungen wieder erlaubt sind, seien auch die Kirchen voll. "Bei Messbesuchen geht es zudem auch um Gemeinschaft und Kontakte", das würden viele Gläubige vermissen.
Kreativität fördern wolle Greiner auch in puncto eines "bewussten Sonntags". Unter dem Motto "#trotzdemsonntag" stellt die Erzdiözese Salzburg via www.trotzdemnah.at/sonntag seit Samstag "Ausmal-Evangelien" zur Verfügung, in denen sich auch ein zentraler Satz des Bibeltextes versteckt. "In Zeiten des Homeoffice verschwimmen die Grenzen zwischen Arbeitsalltag und Freizeit sowie Werktag und Wochenende", so die Seelsorgeamtsleiterin. Mit Impulsen, Texten, Videos und einer neu gestarteten Podcast-Reihe will die Erzdiözese nun dazu anregen, wie man "trotzdem den Sonntag als besonderen Tag gestalten kann".
Quelle: kathpress