Neue Streitkultur im christlich-muslimischen Dialog?
Studientag an der Universität Wien zum 900. Todestag des islamischen Gelehrten Muhammad Al-Ghazali - Katholischer Theologe Hoping sieht "Grunddifferenz" im Gottesverständnis
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Wien, 30.05.2012 (KAP) Zu den "Standards" im christlich-islamischen Dialog gehört es, die verbindenden Gemeinsamkeiten zu betonen - etwa den verbindenden Glauben an den einen Gott. Im Fokus der trennenden Glaubensüberzeugungen steht bislang vor allem die Frage nach dem unterschiedlichen Umgang mit der Schrift. Ist die historisch-kritische Interpretation christlicherseits zu einem selbstverständlichen Werkzeug geworden, verwahrt sich der Islam bisher weitgehend solchen Zugängen.
Das wurde am Dienstag bei einem Studientag an der Universität in Wien deutlich - und es wurden weitere theologische Schmerzpunkte im Dialog angerührt. Ein respektvoller Streit über theologische Differenzen sei allemal produktiver als ein beschauliches Betonen der Gemeinsamkeiten, so der Wiener Dogmatiker und Initiator des Studientages, Jan-Heiner Tück im rückblickenden Gespräch mit "Kathpress". Anlass des Studientages war der 900. Todestag des islamischen Gelehrten Muhammad Al-Ghazali, Autor u.a. der Streitschrift "Widerlegung der Gottheit Jesu".
Während etwa das Zweite Vatikanische Konzil in "Nostra aetate" noch Gemeinsamkeiten zwischen den Religionen betonte und davon ausgehend die Kirche zu einem Religionsdialog verpflichtete, sollte dieser Dialog heute stärker über bestehende Differenzen geführt werden. Als solche benannte Tück etwa die Frage der Inkarnation (Fleischwerdung Gottes in Jesus Christus) und der Trinität (Lehre von der Dreifaltigkeit). Eine solche Streitkultur neu lernen könnte man etwa im Blick auf die mittelalterlichen Auseinandersetzungen.
Gegen bloße Gemeinsamkeitsrhetorik
Den Finger in die diskursive Wunde legte bei der Tagung der Freiburger katholische Theologe Helmut Hoping. Er ortete in seinem Vortrag "Grunddifferenzen" zwischen Christen und Muslimen im Gottesverständnis, die nicht durch bloße Gemeinsamkeitsrhetorik überwunden werden können. Die Grunddifferenz liege darin, dass Gott nach islamischem Verständnis vollkommen transzendent bleibe, ein Eingehen Gottes in die Geschichte - etwa in der Person Jesu Christi - oder gar die Rede von einem mitleidenden Gott sei dort nicht denkbar, so Hoping. "Gott bleibt seiner Schöpfung gegenüber vollkommen transzendent, seinen Gesandten werden nur Hinweise auf seinen Willen offenbart".
Das Besondere an Muhammad Al-Ghazali ist dabei, dass er einen dezidierten Angriff auf die von Seiten des Christentums behauptete Göttlichkeit Jesu Christi unternimmt - und dies gerade nicht, indem er etwa die Evangelien als verfälschte Dokumente zu enttarnen versucht, sondern indem er die Evangelien ernst nimmt und die christliche Interpretation als fehlerhaft bezeichnet. Jesus sei nicht Gott-gleich, sondern ganz Mensch gewesen, ein "Gesandter", und seine Gottessohnschaft daher nur metaphorisch zu verstehen, zitierte Hoping aus der Schrift des islamischen Theologen. Jesu Leiden, sein Empfinden von Hunger und Durst - dies alles spreche für den Al-Ghazali gegen die Göttlichkeit Jesu.
Natürlich ist die Christologie - die Lehre von Jesus als Christus - nicht in diesen einfachen, von Al-Ghazali benutzten Kategorien stehen geblieben. So verwies Hoping etwa auf das komplexe, beim Konzil von Chalcedon (451) erarbeitete christologische Dogma, in dem die Göttlichkeit und gleichzeitige Menschlichkeit Jesu festgehalten wird. Heute sei es eine dogmatische Grundüberzeugung, die Göttlichkeit Jesu so zu verstehen, dass "sich Gott selbst in seinem Sohn eine menschliche Existenz erschaffen hat".
So zeigte der Wiener Studientag: Es gibt alten-neuen Diskussionsbedarf im christlich-muslimischen Dialog. Ein respektvoller Ton, so Tück, sei selbstverständlich, ein Fortkommen im Dialog müsse jedoch auch den Blick auf bleibende, trennende Lehrunterschiede erlauben.