"Karikaturenstreit reloaded"
Kardinal Christoph Schönborn diskutierte mit dem Karikaturisten Gerhard Haderer in der Wiener Staatsoper bei der "Gesprächsmatinee" von und mit Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst
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Wien, 03.06.12 (KAP) Zehn Jahre sind vergangen, seit der Karikaturenband "Das Leben des Jesus" von Gerhard Haderer für teils heftig Reaktionen aus der Kirche und für eine Art "Karikaturenstreit" gesorgt hat. Dass die Zeit eine teilweise Befriedung dieses Konfliktes gebracht hat, demonstrierten Kardinal Christoph Schönborn und Gerhard Haderer am Samstagvormittag bei einer "Gesprächsmatinee" in der Wiener Staatsoper. Unter der Leitung von Generalmusikdirektor Franz Welser-Möst diskutierten die beiden das Verhältnis von Kirche und Kunst. Dabei beharrte Kardinal Schönborn auf einem respektvollen Umgang beider Seiten miteinander, wie er sogar im Lissabon-Vertrag als "Rahmenordnung für gemeinsamen Respekt" festgeschrieben sei.
Kardinal Schönborn und Gerhard Haderer hatten vor zehn Jahren auf Distanz die Klingen gekreuzt. Haderer veröffentlichte 2002 den Karikaturenband "Das Leben des Jesus", der international heftige Reaktionen auslöste. Der Wiener Erzbischof reagierte damals mit einem Gastkommentar in der Zeitung "Die Presse", weil er sehr betroffen war und das Gefühl hatte, "hier wurde eine Grenze überschritten". Kritik am "Bodenpersonal des lieben Gottes" sei zu akzeptieren, das geschehe schon am deutlichsten im Evangelium, betonte Schönborn am Samstag bei der "Gesprächsmatinee" in der Oper. Aber der Schlüsselpunkt sei die Darstellung Jesu gewesen: "Das hat mir weh getan". Auch viele andere Gläubigen hätten genauso empfunden.
Haderer meinte seinerseits, es sei ihm nur darum gegangen, den Leuten der Kirche mit "den Mitteln des Karikaturisten" zu sagen, "schaut, ob ihr auf dem Weg dessen seid, auf den ihr euch beruft". Er habe seine Provokation als "Einladung zur Diskussion" verstanden, aber die Dimension falsch eingeschätzt. "Heute würde ich wesentlich anders formulieren", räumte der Karikaturist ein, währen der Kardinal sagte: "Wir hätten schon früher miteinander reden sollen".
In der Diskussion betonte der Wiener Erzbischof, dass der Prozess der Säkularisierung für die Kirche den Rückzug aus beherrschenden Positionen gebracht habe. Dies sei ein "mitunter schmerzlicher, aber für die Kirche heilsamer Prozess" gewesen. Diskussionen darüber, ob es etwa religiöse Symbole im öffentlichen Raum geben soll, werde es weiterhin geben, ebenso wie die Spannung zwischen Kirche und Kunst "natürlich" sei. Ein "spannungsreiches, kritisches" Verhältnis tue im übrigen beiden Bereichen gut.
Keinen Zweifel ließ Kardinal Schönborn daran, dass Religion den "mystischen Kern" bewahren muss, der auch in der großen Kunst spürbar ist, wenn sie lebendig sein soll. Der Erzbischof zitierte den großen Theologen Karl Rahner: "Der Christ des 21. Jahrhunderts wird ein Mystiker sein oder er wird nicht sein".
Auf die Frage von Franz Welser-Möst skizzierte Kardinal Schönborn den fundamentalen Unterschied zwischen Theater und Liturgie: "Das Theater spielt die Wirklichkeit, die Liturgie feiert die Wirklichkeit, das, was der katholische Glaube 'Realpräsenz' nennt".