"Rioplus20": Kirchen fordern politischen Kraftakt
Ökumenischer Herausgeberkreis des neuen "Jahrbuch Gerechtigkeit": Folgen der ungebremsten globalen Erwärmung schon bald unumkehrbar
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Wien, 14.06.2012 (KAP) Wenn die Bemühungen zur Bremsung des Klimawandels jetzt nicht gelingen, wird es keine zweite Chance mehr geben. Diese Warnung sprechen die Herausgeber des neuen "Jahrbuch Gerechtigkeit" aus. Dem kirchlichen Herausgeberkreis gehören u. a. die Katholische Sozialakademie Österreichs, das deutsche Bischöfliche Hilfswerk Misereor und zahlreiche lutherische Diözesen in Deutschland an.
Die Folgen der ungebremsten globalen Erwärmung seien schon bald unumkehrbar, so die Herausgeber in einem gemeinsamen Vorwort und Diskussionsbeitrag am Beginn des Jahrbuchs. Spätestens zwischen 2015 und 2020 müsse der absolute weltweite Ausstoß von Treibhausgasen deutlich zu sinken beginnen. Nur dann könne es gelingen, die globale Erwärmung auf zwei Grad über dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen.
Der Ansatz ist für die Kirchen so radikal wie auch unumstößlich: Das gesamte auf Wachstum und kurzfristige Renditen ausgerichtete Wirtschaftssystem sei nicht nachhaltig und müsse daher umfassend umgebaut werden. Notwendig sei eine Ausrichtung der gesamten Wirtschaft - national wie global - an den Leitzielen sozialer Gerechtigkeit und Klimagerechtigkeit.
Ein ungebremster Klimawandel hätte katastrophale Folgen, die sich auch schon jetzt abzeichneten: Weltweit hungerten bereits eine Milliarde Menschen; mehr als eine Milliarde Menschen hätten keinen Zugang zu sauberem Wasser. In vielen Weltgegenden verschärften sich Umweltbelastungen und auch die globale Finanz- und Wirtschaftskrise sei keineswegs überwunden. All diese und viele weitere Krisen seien - direkt oder indirekt und auf unterschiedliche Weise - mit dem Klimawandel verknüpft, halten die Kirchen fest.
Die etwa von den Vereinten Nationen, der OECD oder EU eingebrachten Modelle einer "Grünen Volkswirtschaft" ("Green Economy") beurteilen die Kirchen sehr skeptisch. Modelle eines grünen Umbaus der Volkswirtschaften vertrauten darauf, dass der Ausbau der umwelt- und klimafreundlichen Wirtschaftsbereiche ausreicht, um gesamtwirtschaftliches Wachstum zu tragen. Folglich würden sie im Wachstum des Bruttoinlandsproduktes bei gleichzeitiger drastischer Verringerung der Treibhausgase keinen unüberwindbaren Zielkonflikt sehen.
Doch gegen solche Modelle des "Grünen Wachstums" könne geltend gemacht werden, "dass alle bisherigen Anstrengungen zur Verringerung der Treibhausgasemissionen nicht verhindert haben, dass diese heute so hoch wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit sind". Die Kirchen halten fest: "Wirtschaftswachstum alleine löst keine volkswirtschaftlichen Strukturprobleme, beseitigt keine Armut und schafft auch nicht 'Wohlstand für alle', sondern tendiert zur Verschärfung sozialer Spaltungen."
Eine absolute Notwendigkeit sei die dramatische Reduktion der Treibhausgasemissionen in Industrie- und manchen Schwellenländern. Für Deutschland bedeute dies im Jahr 2050 eine Reduzierung der Pro-Kopf-Emissionen auf ein Zehntel des Wertes von 2010. für Österreich dürften ähnliche Werte gelten.
Dieses Ziel sei nur durch rechtliche Festschreibung und Sanktionierung durchsetzbar, zeigen sich die Kirchen überzeugt. Eine rechtliche Verankerung der Reduktionsziele würde allerdings eine weitreichende Umgestaltung sowohl bisheriger Investitions-, Konsum- und Produktionsweisen, und damit nationaler Wirtschaften, als auch der Weltwirtschaft erforderlich machen, die weit über eine Energiewende hinaus ginge. Eine Umverteilung von Einkommen und Vermögen wäre eine Voraussetzung für die soziale Abfederung des Umbaues.
Die Kosten für die Neugestaltung der Weltwirtschaft werden vor allem die Industrieländer und einige wenige Schwellenländer zu tragen haben. Doch diese Anpassungs- oder Transformationskosten sind weit geringer als jene Kosten, die bei einem "weiter so" entstehen würden.
Dass diese große Transformation gelingt, halten die Kirchenvertreter für durchaus möglich. Anlass zu Hoffnungslosigkeit oder Panik bestehe nicht. Denn zum ersten Mal in der Geschichte verfüge die Menschheit über die wissensmäßigen, technologischen und finanziellen Ressourcen, die zur Bewältigung großer Herausforderungen notwendig sind. Der Appell: Die Zeit dränge zwar, doch noch sei Zeit, die globale Erwärmung zu begrenzen und die weiteren globalen Krisen zu überwinden.
Infos zum "Jahrbuch Gerechtigkeit": www.ksoe.at