Theologenstreit über "historisch-kritische" Bibelauslegung
Wiener Alttestamentler Schwienhorst-Schönberger und Linzer Neutestamentler Niemand diskutierten über Chancen und Grenzen historisch-kritischer Exegese
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Wien, 14.06.2012 (KAP) Zu einem Methodenstreit über Formen der Bibelauslegung (Exegese) sind der Wiener Alttestamentler Ludger Schwienhorst-Schönberger und der Linzer Neutestamentler Christoph Niemand am Mittwochabend in Wien aufeinandergetroffen. Im Fokus stand dabei einmal mehr die Konfrontation von "historisch-kritischer" und "kanonischer Exegese". Während die historisch-kritische Methode den biblischen Text vor dem Hintergrund seiner Entstehungsgeschichte interpretiert, versteht die zuletzt mit Vehemenz von Papst Benedikt XVI. ins Spiel gebrachte "kanonische Exegese" die biblischen Texte aus einer als einheitlich verstandenen Tradition heraus.
Schwienhorst-Schönberger plädierte bei der Veranstaltung "Kirche brennt: Historisch-kritische Exegese in der Krise?" im Wiener Otto-Mauer-Zentrum für die Revision der an den theologischen Fakultäten und im theologischen Wissenschaftsbetrieb weit verbreiteten historisch-kritischen Methode. Auch wenn man die Erkenntnisse dieser Methode nicht leugnen dürfe, so müsse man doch die Defizite deutlich benennen: etwa die Begrenzung des Textes auf "nur eine Bedeutung" und die Reduktion der Bibel auf eine "Sammlung" von Texten. Dies führe nicht zu einem Gleichklang, sondern zu einer "Kakophonie". Außerdem fehle der Methode die "Inspiration", die zu einem umfassenden Textverständnis notwendig sei.
Kritisch stand dem der Linzer Neutestamentler Christoph Niemand gegenüber: Zwar stimmte er Schwienhorst-Schönberger darin zu, dass die historisch-kritische Methode erweitert werden müsse, er halte sie dennoch für "unverzichtbar". Sie lehre etwa, dass man es bei einem biblischen Text mit einer "Transformation von Ereignissen in das System Sprache" zu tun habe. Das bedeute etwa, dass der "erzählte Jesus" ein "Modellbild" darstelle. Eine Erweiterung der klassischen historisch-kritischen Methode würde an dieser Stelle bedeuten, "das alte, peinliche Gewissheitspathos zurückzulassen", dass man klar herausfiltern könne, wer und wie die Person Jesu gewesen sei.
Gegen die alternative Methode einer "kanonischen Exegese" sprach sich Niemand mit dem Argument aus, diese verzichte auf eine Lektüre der Texte mit "Tiefenschärfe" und drohe, Texte "glattzubügeln". Eine analytisch scharfe Textinterpretation brauche eine deutlich distanzierte Haltung zum Text - dies sei eine "Möglichkeitsbedingung von Verstehen", so Niemand, die die kanonische Exegese nicht erfülle.