Jugendliche brauchen Gotteserfahrung und Mitgestaltung
Klagenfurt, 21.06.2012 (KAP) Die Kirche muss sich verstärkt darum bemühen, "dass junge Leute, die überhaupt nicht mehr an Gott oder an die Liebe glauben, Gott erfahren können".
Image (img2) invalid or missing |
Das sagt die Wiener Pastoraltheologin Regina Polak in einem Interview der aktuellen Ausgabe der Kärntner Kirchenzeitung "Sonntag". Nicht zuletzt durch die Kirchenkrisen der vergangenen Jahrzehnte und dem damit verbundenen Imageverlust könne man die Diagnose stellen: "Die Kirche verliert die jungen Leute."
Die in die Auswertung der Europäischen Wertestudie eingebundene Theologin sieht hier einen großen Aderlass, der sich vor allem bei kritischen, eigenständigen und engagiert denkenden und handelnden Jugendlichen zeige. Konkrete Gotteserfahrungen, aber auch Mitgestaltung zu ermöglichen sei in dieser Situation notwendig, sagte Polak.
Mangel an Erfahrung mit Glauben
Allerdings: Gott sei heutzutage "schwer zu erkennen, weil er im Alltag keine Rolle spielt". Der Glaube bleibe oft abstrakt, ein "erfahrungsgesättigter" Glaube ist nach den Worten Polaks nicht nur bei der Jugend, sondern in der Gesamtgesellschaft "ein ziemliches Minderheitenphänomen". Glaube sei zunächst keine Wissens-, "sondern eine Praxis- und eine Lebensfrage". Erst nach dem Tun bzw. Erfahren komme die erschließende Deutung. "So lernt man Glauben", auch wenn dies über lange Zeit anders herum vermittelt wurde.
Zwei Drittel der Jugendlichen bekennen sich laut Polak zum Glauben an Gott, zugleich sagten aber nur 30 Prozent: "Ich bin religiös" - "das ist der niedrigste Wert, den wir je gehabt haben". Polaks Interpretation: Junge Leute glauben an einen Gott, "aber nicht in der katholischen Variante, also dass man jeden Sonntag in die Kirche geht oder sich an Dogmen orientiert". Ihr Gott lasse sich eher im Inneren oder in der Natur finden. Die Kirche habe zum einen ein Image-Problem, sodass es jungen Menschen "oft einfach peinlich ist dazuzugehören". Zum anderen sähen kritisch-intellektuell Engagierte angesichts kirchliche Entscheidungsstrukturen keine Möglichkeiten sich einzubringen "und bleiben einfach weg".
Dort, wo die Kirche "zu jungen Leuten hingeht und mit ihnen gemeinsam herausfindet, was für sie relevant ist", gebe es trotz der Kirchenkrise Chancen, verwies die Wiener Theologin auf die Angebote etwa der "Young Caritas" oder der Katholischen Jugend. Aber auch Pfarren könnten Positives bewirken, indem sie etwa mit nichtkirchlichen Jugendorganisationen zusammenarbeiten und für Interessierte eine geistliche Reflexion anbietet: "Was hat das mit Gott zu tun, was wir da machen?" Polak rechnet für die Zukunft auch mit einem Bedeutungszuwachs der diakonischen Perspektive des Glaubens: "Wenn zum Beispiel Jugendliche Migrantenkindern in den Räumen der Pfarre Deutschkurse oder Nachhilfe anbieten, ist das diakonische Kinder- und Jugendpastoral."
Erfahrung, gebraucht zu werden
Jugendliche fühlen sich gegenüber Vorgängen in Gesellschaft und Wirtschaft heute oft machtlos, zitierte Polak einschlägige Studien. Bei aller Pluralität der Jugend mit "unterschiedlichen Werte-Sets" gebe es doch fast allen gemeinsame Themen: "Wie gelingt mein Leben in Familie und Beruf?" Die größte Angst hätten junge Menschen vor der Arbeitslosigkeit, erst danach kämen Sorgen über globale Probleme wie Armut, Krieg, Terrorismus, Umwelt, Menschenrechte und Gerechtigkeit.
Polak: "Es wäre wichtig, Partizipationsmöglichkeiten zu stärken und Projekte zu fördern, wo junge Menschen die Erfahrung machen können: Wir werden gebraucht, wir sind wichtig, wir können etwas bewirken. In Arbeit, Familie, Gesellschaftspolitik." Kritik übte die Pastoraltheologin in diesem Zusammenhang an der Bildungsdebatte in Österreich: "Da reden Experten, Eltern, Lehrer, die Lehrergewerkschaft", junge Menschen seien kaum eingebunden und letztlich "Objekte der Bildungspolitik". Doch man sollte sie aktiv miteinbeziehen in alle Fragestellungen, die sie und ihre Zukunft betreffen, appellierte Polak.