Piusbruderschaft: Skepsis bei Theologen
Fehlende Anerkennung der Piusbrüder von Konzilstexten zur Religionsfreiheit und "antijudaistische Tendenzen" seien äußerst problematisch
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Wien, 28.06.2012 (KAP) Einer Aussöhnung zwischen der katholischen Kirche mit der lefebvrianischen "Priesterbruderschaft St. Pius X." stehen österreichische katholische Theologen äußerst skeptisch gegenüber. Als Knackpunkte gelten die Anerkennung des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-65) insgesamt, aber auch die Anerkennung einzelner Dokumente zur Religionsfreiheit, zur Ökumene und zum christlich-jüdischen Verhältnis. Ein Zurück hinter die Ökumene und hinter den interreligiösen Dialog dürfe es laut Jan-Heiner Tück, Professor für Dogmatik der Universität Wien, nicht geben. "Gäbe es ein Zurück, wäre das desaströs", so Tück in der ORF-Sendung "Report" am Dienstag.
Die Aussagen zur Ökumene und zum interreligiösen Dialog wurzeln laut Tück in klaren und verbindlichen Aussagen: "Deshalb kann man sie nicht einfach zur Verhandlungsmasse deklarieren." Es sei "äußerst fragwürdig", wenn Errungenschaften des Konzils plötzlich "zur Disposition gestellt" würden, wie dies etwa der österreichische Distriktobere der Piusbruderschaft, Helmut Trutt, unternimmt. Dieser hatte - ebenfalls gegenüber dem "Report" - unterstrichen, dass die Konzilsdokumente zur Religionsfreiheit und zum Ökumenismus "einfach so mit der Tradition nicht übereinstimmen". An eben dieser Tradition wolle man aber festhalten, so Trutt.
Kritik kommt indes auch von Seiten des Wiener Kirchenhistorikers Rupert Klieber. Es sei zwar löblich, dass sich die Kirche um Einheit bemühe, man müsse aber stets vor Augen haben, um welchen Preis: "Wenn es um den Preis ist, dass man, nur um ein paar hundert Obskuranten drinnen zu haben, dann auf der anderen Seite Tausende wiederum verprellt, dann wäre der Preis vielleicht zu hoch."
Der Wiener Alttestamentler Ludger Schwienhorst-Schönberger sieht ein wesentliches Problem bei der Piusbruderschaft in deren Verweigerung gegenüber jeglichem Pluralismus. Man könne nicht auf der einen Seite einem extremen Traditionalismus verhaftet bleiben "und alles andere verteufeln" - es gebe stets "eine gewisse Pluralität". Das sei schon in der alten Kirche so gewesen - "und das ist auch in der Bibel so. Wir haben unterschiedliche Stimmen, die auch in Spannung zueinander stehen. Und wenn eine sich verabsolutiert und sagt: 'Alles andere ist Häresie', das funktioniert nicht."
Schließlich meldete sich im "Report" auch Martin Jäggle, Dekan der katholisch-theologischen Fakultät der Universität Wien, kritisch zu Wort. Jäggle sieht insbesondere die latenten und "unverändert antijudaistischen Tendenzen" als bleibenden Streitpunkt. Die Piusbruderschaft stelle das Verhältnis zum Judentum weiterhin in Frage und reden "unverändert von Gottesmördern (...), weil sie unverändert antijudaistische Tendenzen nicht nur pflegen, sondern das auch zu ihrem Profil gehört", so Jäggle.
Kräfte im Vatikan "streuen Sand ins Getriebe"
Die lefebvrianische Piusbruderschaft sieht die Ursache für das Stocken des Gesprächsprozesses mit dem Vatikan bei Kräften in der Kirchenführung. Der Distriktobere der Priesterbruderschaft in Deutschland, Franz Schmidberger, sagte nach einem Bericht der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) vom Donnerstag, es gebe offenbar Leute im Vatikan, die entgegen dem Wunsch des Papstes "neuen Sand ins Getriebe" gestreut hätten.
Zugleich bezeichnete es Schmidberger laut Zeitungsbericht als "ein gutes Zeichen", dass der Papst am Dienstag den amerikanischen Erzbischof Joseph Augustine Di Noia zum Vizepräsidenten der Kommission "Ecclesia Dei" ernannt hat. Diese Kommission ist unter dem Dach der Kongregation für die Glaubenslehre für den Dialog mit der Piusbruderschaft zuständig. Di Noia solle wohl die Sache im Sinne des Papstes voranbringen, mutmaßte Schmidberger.
Vatikansprecher Federico Lombardi sagte allerdings der Zeitung, der Papst sei in der Tat "für die Einigung, aber nur unter theologisch klaren Bedingungen". Diese hätten sich nicht geändert.
Zuvor hatten sich führende Vertreter der Piusbruderschaft skeptisch über eine theologische Aussöhnung mit dem Vatikan geäußert. In einem als "vertraulich" und "intern" gekennzeichneten Rundschreiben, das seit Dienstag im Internet zirkuliert, schreibt der Generalsekretär der Bruderschaft, Christian Thouvenot, der Generalobere könne die zuletzt vom Vatikan vorgelegte Version des Einigungsdokuments nicht unterzeichnen. Das Anfang Juli tagende Generalkapitel der Piusbrüder soll nun über das Dokument und den gesamten Vorgang beraten.
Thouvenot erklärt unter Berufung auf mehrere nicht genannte Quellen, die letzte vom Generaloberen Bernard Fellay korrigierte Version vom April habe Papst Benedikt XVI. zwar persönlich überzeugt. Der Präfekt der römischen Glaubenskongregation, Kardinal William Levada, habe Fellay jedoch Mitte Juni eine wieder um einige Monate zurückgedrehte Textversion vorgelegt, die für die Bruderschaft "eindeutig inakzeptabel" sei. Dies habe Fellay Levada auch unmittelbar mitgeteilt. Die Korrekturvorschläge der Bruderschaft seien mithin vom Vatikan abgelehnt worden.
Das Rundschreiben Thouvenots an die Distriktoberen, Seminare und Häuser der Bruderschaft trägt das Datum vom Montag. Der Brief ist die neueste Entwicklung eines monatelangen Tauziehens und Schriftwechsels um eine mögliche theologische Einigung. Vorangegangen waren eineinhalbjährige theologische Gespräche von Vertretern des Vatikan und der Lefebvrianer. Deren Ergebnis war eine sogenannte lehrmäßige Präambel, die der Vatikan im September 2011 als Grundlage einer möglichen Aussöhnung formulierte und den Piusbrüder zur Unterschrift vorlegte. Darin wird die Treue zum Lehramt der katholischen Kirche einschließlich der Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962-1965) festgehalten.
Die beiden ersten Antworten der Lefebvrianer hatte der Vatikan als ungenügend bewertet. Ein drittes Schreiben Fellays Mitte April wurde von der Kardinalsversammlung der Glaubenskongregation Mitte Mai beraten und dem Papst zur Entscheidung vorgelegt. Für den Fall einer Einigung will der Vatikan der Priesterbruderschaft nach eigenen Angaben den Rang einer sogenannten Personalprälatur zuerkennen, eine direkt dem Papst unterstellte Organisationsstruktur, wie sie vergleichbar derzeit nur für das Opus Dei besteht.