Positives Gottesbild kann Heilungsprozess fördern
Wien, 14.2.07 (KAP) Religiöser Glaube, der auf einer tiefen und in Freiheit vollzogenen Beziehung zu Gott und den Mitmenschen basiert, kann sehr positive Auswirkungen auf den Heilungsprozess haben. Das war der Tenor eines interreligiösen Projektages, den die Krankenhausseelsorge am Wiener AKH am Mittwoch veranstaltete. Anlass des Projekttages im AKH, der unter der provokanten Frage "Macht Religion krank?" stand, war der "Welttag der Kranken", den die katholische Kirche am 11. Februar begangen hat.
Der Klagenfurter Theologe und Psychotherapeut Erich Lehner verwies auf zahlreiche wissenschaftliche Studien, die einen vorsichtig positiven Zusammenhang zwischen Religiosität und der Bewältigung einer Krankheit belegten. Allerdings könnten religiöse Fehlformen wie negative Gottesbilder oder aufgezwungene Vorstellungen auch negative Auswirkungen auf den Krankheitsverlauf haben. Weil es aber jedenfalls unbestritten sei, dass Religion und Spiritualität im direkten Zusammenhang zu Gesundheit und Heilungsprozessen stehen, müsse das öffentliche Gesundheitswesen die Erfüllung der spirituellen Bedürfnisse der Patienten ermöglichen, so Lehner. Hier habe dann die Krankehausseelsorge ihren Ort.
Der Leiter des katholischen Seelsorgerteams im AKH, Franz Vock, bestätigte im "Kathpress"-Gespräch Lehners Befund. Die Erfahrung zeige immer wieder, dass es einen Zusammenhang zwischen dem eigenen Gottesbild und dem Heilungsverlauf gibt. Es sei allen Mitarbeitern deshalb auch ein besonderes Anliegen, "den heilenden und liebenden Gott, auf den ich mich verlassen kann und der zu mir steht", zu vermitteln. Krankheiten seien immer Krisensituationen, auf die kaum jemand vorbereitet sei. Halt und Orientierung in solch schwierigen Zeiten biete bei vielen dann die Religion, und er erlebe es immer wieder, so Vock, dass es auch zu medizinisch nicht erklärbaren Heilungen kommt.
Positive Zweifel
Bei der Tagung wurde auch aus Studien zitiert, wonach auch religiöse Zweifel durchaus feststellbare positive Auswirkungen auf den Heilungsprozess haben können. Darauf nahm vor allem der Theologe Adolf Holl Bezug und verwies auf die Notwendigkeit, dass im Bereich der Krankenhausseelsorge auch Zweifel, das Ringen mit Gott und Glaube angesichts von Krankheit und Tod, ihren Platz haben müssten.
Dass dies in der Praxis selbstverständlich der Fall sei, unterstrich die evangelische Krankenhausseelsorgerin Margit Leuthold. Oberstes Gebot sei es, den Patienten im Dialog mit seiner ganzen Glaubens- und Lebensgeschichte ernst zu nehmen und anzunehmen.
Religiöse Fehlformen
Gegen Fehlformen von Religion, die nicht nur den Heilungsprozess verschlechtern sondern teils auch erst zu Krankheiten führen, sprachen sich der jüdische Oberrabbiner Paul Chaim Eisenberg und der Direktor der Islamischen Religionspädagogischen Akademie, Elsayed Elshaded, aus. Religion, richtig verstanden, gebe Hoffnung und heile, waren sich Eisenberg und Elshaded einig.
Neue Broschüre präsentiert
Während des Projekttages wurde auch die neue Broschüre "Dialog auf gleicher Augenhöhe" präsentiert. Sie beinhaltet eine gemeinsame Botschaft der jüdischen, christlichen und muslimischen Seelsorge am AKH Wien. Bundespräsident Heinz Fischer schreibt dazu in einem Vorwort: "Die vorbildliche und weit über das Krankenhaus hinaus anerkannte Zusammenarbeit zwischen den Religionsgemeinschaften, die Sie gemeinsam aufgebaut haben und pflegen, hat in der österreichischen Öffentlichkeit Zustimmung und Anerkennung gefunden." Als Bundespräsident sei er stolz, dass hier ein interreligiöses Modell geschaffen wurde, "in der jeder die Traditionen und Entwicklungen des anderen respektiert".
Am Mittwoch Nachmittag lud die AKH-Krankenhausseelsorge schließlich zu einem "Tag der offenen Türen" in die verschiedenen Gebetsräume (jüdisch, katholisch, evangelisch, islamisch) des AKH.
16 Jahre Zusammenarbeit
Seit nunmehr knapp 16 Jahren arbeiten katholische, evangelische, jüdische und muslimische Seelsorger im AKH zusammen. Insgesamt werden jährlich knapp 20.000 Personen von den Krankenseelsorgerinnen und -seelsorgern in der persönlichen Begegnung betreut. Dazu kommen täglich Gottesdienste und Gebete. Koordiniert wird die Zusammenarbeit der Religionsgemeinschaften in interreligiösen Treffen, die seit 2002 in regelmäßigen Abständen stattfinden.
In einer offiziellen Broschüre heißt es über die gemeinsame Basis der Krankenseelsorge im AKH: "Alle Menschen sind von Gott geschaffen und einmalig. Gerade in Zeiten der Krankheit und der damit verbundenen Änderung der Lebenssituation wächst bei vielen Menschen die Sehnsucht, sich als von Gott geliebt zu erfahren". Jeder Einsatz in der religiösen Begleitung von Menschen in der Krankheit habe ihren Ursprung im tiefen Vertrauen auf Gott als Schöpfer und Erhalter.