Jürgen Habermas übt Kritik an "Regensburger Rede"
Frankfurter Philosoph in "Neuer Zürcher Zeitung": Suche nach "Vernünftigkeit des Glaubens" sei zwar "begrüssenswert", die Absage an "Enthellenisierung" jedoch "wenig hilfreich"
(katholisch.at) Mehr als vier Monate nach der "Regensburger Rede" Papst Benedikts XVI. äußert nun der Frankfurter Philosoph Jürgen Habermas in der "Neuen Zürcher Zeitung" (NZZ vom 10. Februar) Kritik an der vom Papst in seiner Rede verteidigten "Synthese aus griechischer Metaphysik und biblischem Glauben". Zwar sei die "Suche nach der Vernünftigkeit des Glaubens" laut Habermas "begrüssenswert", als "wenig hilfreich" beurteilt der Philosoph jedoch die negative Bewertung der "Enthellenisierungsschübe" durch Papst Benedikt XVI. Man könne diese geistesgeschichtliche Bewegung, die zum "modernen Selbstverständnis" und zum modernen Vernunftbegriff beigetragen habe und heute die Basis sowohl für Gläubige wie für Ungläubige darstelle, nicht einfach "ausblenden", so Habermas in seinem Essay unter dem Titel "Ein Bewusstsein von dem, was fehlt". Irritiert zeigte sich der Philosoph auch durch die "unerwartet modernitätskritische Wendung" der Rede. So verstehe er die Rede als "negative Antwort auf die Frage, ob sich die christliche Theologie an den Herausforderungen der modernen, der nachmetaphysischen Vernunft abarbeiten muss".
Religion und Vernunft: ein "nur scheinbar geklärtes Verhältnis"
Weiters plädiert Habermas für eine Revision des "nur scheinbar geklärten Verhältnisses" von Religion und säkularer Vernunft. Die Notwendigkeit einer solchen Neubestimmung werde laut Habermas insbesondere im Blick auf Fragen der Moral und des Handelns in "postsäkularen Gesellschaften" deutlich. So liege es nicht allein in der Kraft philosophisch-ethischer Argumentationen, solidarisches Handeln zu motivieren. Auch besitze die Philosophie allein nicht die tragende Sprache, um zu artikulieren, "was zum Himmel schreit".
Auch im Blick auf das Verhältnis des "weltanschaulich neutralen Staats" zur Religion müsse gerade angesichts einer zum Teil aggressiven politischen "Revitalisierung" des evangelikalen Christentums wie des Islams eine Neubestimmung vollzogen werden, so Habermas. Habe der liberale Staat bislang einen "modus vivendi" mit den anerkannten Religionsgemeinschaften gefunden, so könne er sich damit nun nicht mehr zufrieden geben, da er auf eine "in Überzeugungen verwurzelte Legitimation" angewiesen sei, die er nicht aus sich selbst heraus reproduzieren könne. Staat und Religion müßten daher in einen "komplementären Lernprozess" eintreten, in dem beide die Geltungsbereiche des jeweils anderen akzeptieren müssten. Für den Staat gelte dabei: "Er darf von seinen religiösen Bürgern nichts verlangen, was mit einer authentisch 'aus dem Glauben' geführten Existenz unvereinbar ist". Der Staat müsse lernen, so Habermas, dass "religiöse Äusserungen zur Klärung kontroverser Grundsatzfragen einen sinnvollen Beitrag leisten können".
Säkulare Vernunft ist keine "Richterin über Glaubenswahrheiten"
Damit ein solcher aufrichtiger Dialog gelingen kann, müssten laut Habermas zwei Voraussetzungen erfüllt sein. Zum einen müsse die Religion einen "universalistischen Egalitarismus in Recht und Moral" anerkennen. Auf der anderen Seite dürfe sich die "säkulare Vernunft" jedoch nicht "zur Richterin über Glaubenswahrheiten aufwerfen".
Zur Kenntnis nehmen müsse die Religion weiterhin, so Habermas, dass mit dem Ende der Metaphysik zugleich auch die "von Augustin bis Thomas hergestellte Synthese aus Glauben und Wissen zerbrochen" ist. Der "Riss zwischen Weltwissen und Offenbarungswissen" lasse sich laut Habermas "nicht wieder kitten", jedoch bleibe sowohl die Religion als auch eine "verabschiedete Metaphysik" weiterhin präsent und wirksam.
In seinem Essay grenzt sich der Frankfurter Philosoph ausdrücklich gegen zwei gängige Positionen bei der Frage nach dem Verhältnis von Glauben und Wissen ab. Zum einen wendet er sich gegen eine "bornierte, über sich selbst unaufgeklärte Aufklärung, die der Religion jueden vernünftigen Gehalt abspricht", zum anderen wendet er sich gegen jene Auffassung, die die Religion zwar als weiterhin vorhandene Größe wahrnimmt, diese jedoch einer philosophischen Vernunft unterordnet. Statt dessen plädiert Habermas dafür, den Glauben als etwas für das Wissen "Opakes" ('Undurchsichtiges') zu betrachten, "das weder verleugnet noch bloss hingenommen werden darf". Eine lebendige und immer wieder neu aufbrechende Auseinandersetzung über die Rolle der Religion könne so dazu beitragen, "das Bewusstsein der postsäkularen Gesellschaft für das Unabgegoltene in den religiösen Menschheitsüberlieferungen zu schärfen".
In mehreren Aufsätzen und Vorträgen hatte sich Habermas, der sich selbst als "religiös unmusikalisch" bezeichnet, seit seiner Rede zur Verleihung des "Friedenspreises des deutschen Buchhandels" 2001 zu Fragen der Religion geäußert, zuletzt 2005 in dem Band "Zwischen Naturalismus und Religion". 2004 hatte Habermas an einer vielbeachteten Diskussion mit dem damaligen Kardinal Joseph Ratzinger an der Katholischen Akademie in Bayern teilgenommen.
Ein im Januar unter dem Titel "Glauben und Wissen" präsentierter Sammelband dokumentiert ein Symposion mit Jürgen Habermas, welches sich zu Beginn des vergangenen Jahres mit dessen Religionsphilosophie auseinandergesetzt hat.
