Kasper: Vorsicht bei These der "Wiederkehr der Religion"
Wien, 12.2.07 (katholisch.at) Der These einer "Wiederkehr der Religion" müsse mit Vorsicht begegnet werden, da in den Formen und Praktiken neuer Religiosität "eine gewisse Ambivalenz" deutlich werde. Dies betonte der deutsche Kurienkardinal und Präsident des Päpstlichen Rates für die Einheit der Christen, Walter Kasper, in einem Streitgespräch mit dem Philosophen Peter Sloterdijk in der jüngsten Ausgabe der deutschen Wochenzeitung "Die Zeit". So trete das "Unwesen der Religion" immer dort zum Vorschein, wo es zu einer erneuten Verbindung von Religion und Politik komme. Die Gefahr dieser Verquickung liege im Wesen der Religion selbst, so Kasper: "Religion ist nie cool. Religion macht glühend". Daher könne sie "in Fanatismus umschlagen", sie könne sich jedoch "auch in Liebe, in den Einsatz für Gerechtigkeit, für Frieden und Freiheit in der Welt umsetzen und so unglaubliche Kräfte freisetzen".
Im Gespräch mit den Journalisten Jan Ross und Bernd Ulrich plädierte der Kardinal dagegen für ein Verständnis von Religion "im ursprünglichen Sinn des Wortes": "Religio heißt 'Rückbindung'", so Kasper. Das Bedürfnis nach einer solchen Rückbindung sei heute in Westeuropa wieder deutlich spürbar. Die "Selbstbefreiung, die es seit der Aufklärung gibt" habe laut Kasper "ihre Verheißungen nicht erfüllt", und Enttäuschungen hervorgerufen, die die Wiederkehr der Religion befördert. Dabei gelte es jedoch, die mit der Wiederkehr einhergehenden "Deformationen von Religiosität einer prophetischen Kritik zu unterziehen", so Kasper. Eine solche Kritik müsse sich nicht gegen die Säkularisierung an sich, sondern gegen einzelne "Säkularisate" richten, wie sie laut Kasper im Kommunismus zu Tage getreten sind, der eine politische Umsetzung christliche Ideen versucht habe, dabei jedoch "das Entscheidende weggelassen hat, nämlich Gott".
Laut Kasper müsse bei der Frage der Wiederkehr auch die positive Leistung der Kirche als Institution bedacht werden, insofern diese nicht nur als "Grenze von Freiheit und Charisma" verstanden werden dürfe, sondern auch als Institution, die "der Willkür und der chaotischen Freiheit Grenzen setzt" und somit "verantwortete Freiheit" ermöglicht. Religiöser Pluralismus sei dabei nicht abzulehnen, sondern müsse vielmehr als Aufforderung zu einer Schärfung des eigenen religiösen Profils verstanden werden: "Christen müssen Christen sein, und die Muslime müssen Muslime sein. Wenn sie gute Christen und gute Muslime sind, können sie auch Toleranz, die Anerkennung des Andersseins, entwickeln". Religion habe mit Toleranz zu tun, so Kasper, "aber auch mit Entschiedenheit".
Als "Reinigungsprozess" müsse weiterhin auch der weltliche Machtverlust der Kirche verstanden werden. Durch diesen Prozess habe die Kirche "an geistlicher Macht, an Vollmacht, gewonnen", so Kasper.
"Friedliche Nutzung monotheistischer Energien"
Peter Sloterdijk plädiert bei der Frage der Wiederkehr der Religion für eine Akzentverschiebung hin zu der Frage der Wiederkehr speziell der monotheistischen Religionen, da gerade diese durch ihren "universalistischen Anspruch" laut Sloterdijk in der Gefahr stehen, ein "Streit schürendes Potenzial freizusetzen". Die Herausforderung bestehe daher laut Sloterdijk darin, eine "friedlich Nutzung der monotheistischen Energien" zu ermöglichen.
Die "relative Entchristianisierung Europas" müsse als "fundamentale Tatsache" ebenso ernst genommen werden wie die Feststellung, das Religion "nicht mehr das Interpretationsmodell für alle Lebensbereiche" liefert. Statt dessen sei Westeuropa von einer "metaphysischen Mehrsprachigkeit" bestimmt: "Wir alle Sprechen gewissermaßen sowohl Christlich als auch Griechisch", so Sloterdijk. Anstatt die christlichen Quellen zu betonen, müsse man die "hohe Errungenschaft" der "Entpolitisierung der Religion" anerkennen und zu einer "Reprofilierung" nutzen.